Lucia Lacarra und Marlon Dino auf ihrer Pressekonferenz © Andrea Mogwitz

Abschied

von Lucia Lacarra, Marlon Dino und fast der Hälfte des unter Ivan Liska gewachsenen Ensembles

Von Karl-Peter Fürst

Nachdem Ivan Liska 18 Jahre lang das Bayerische Staatsballett geleitet hat, weiß man, dass jetzt eine bedeutende Ära zu Ende geht. Jeder neue Ballettdirektor setzt einen neuen Anfang, und das Recht dazu hat auch Igor Zelensky, der im September Ivan Liskas Nachfolge antritt. Ein solcher Wechsel ist immer mit Härten verbunden. Aber es kam ein Schmerz hinzu, den viele teilen und der vermeidbar gewesen wäre: Der Abschied Lucia Lacarras!

Diese deprimierende Nachricht wurde zunächst dadurch bekannt, dass Münchens zur „Tänzerin des Jahrzehnts“ ernannter Weltstar und ihr Partner, der Erste Solist Marlon Dino, erstmals zu einer eigenen Pressekonferenz einluden. Das Ehepaar, seit März 2015 zugleich glückliche Eltern der gemeinsamen Tochter Laia, empfand es nämlich als sein Bedürfnis, abseits offizieller Verlautbarungen im offenen Gespräch mit vertrauten Journalisten dem ihm ans Herz gewachsenen Publikum seine Entscheidung zu erklären, das Bayerische Staatsballett nach 14-jähriger Zugehörigkeit zu verlassen.

Die Auswahl dessen, was beide im Verlauf dieser Pressekonferenz und weiterer Gespräche sinngemäß sagten, mag mit der Kernaussage Lucia Lacarras beginnen: „Unsere Arbeit hier hat uns vollauf befriedigt. Das Theater ist eines der schönsten der Welt, das Repertoire war unglaublich, das Publikum begeisterungsfähig. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass wir es irgendwo besser haben könnten, und deshalb war es nicht unsere Absicht zu gehen. Wir wollten bleiben, auch über Ivan Liskas Zeit als Ballettdirektor hinaus. Das wusste Igor Zelensky. Als wir vor zwei Jahren auf der Gala tanzten, die er zum Ausklang der olympischen Spiele in Sotschi organisierte, und auch später sagte er oft, dass er uns als Direktor in München weiterhin so einsetzen wolle, wie wir bisher gearbeitet hatten, und wir wollten ihn bei seinen Anfängen hier gern unterstützen. Jetzt mussten wir aber feststellen, dass es ihm mittlerweile wohl eher darum ging, unsere Namen auf der Liste seiner Company zu behalten, als dass wir tanzen.“ Auf konkrete Nachfrage dazu führten Marlon Dino und sie aus, dass sie nur zwölf Vorstellungen im Jahr bekommen sollten. „Igor Zelensky hat dies damit begründet, dass das Ballett pro Spielzeit nur 70 Vorstellungen hat, er in seinem neuen Ensemble zehn Erste Solisten beschäftigen wolle und die Vorstellungen unter ihnen aufteilen müsse. Als wir ihm vorrechneten, dass wir bereits zwei sind und viele Stücke mehrere Erste Solisten, oft auch, wie in dem von ihm angekündigten Spartacus, zwei Principal-Paare fordern, wurde er ungehalten.“ Zudem habe sein Plan vorgesehen, sie beide nur jeweils ein Mal das gleiche tanzen zu lassen. „Wir müssten also jede Vorstellung neu lernen oder neu einstudieren, um sie einen Abend vor Publikum tanzen zu können. Ständig im Studio zu proben, um dann so wenige Vorstellungen zu haben, steht in keinem Verhältnis. Dann wären auch viele Gastauftritte, die wir wahrnehmen könnten, blockiert. Wir sind aber nicht mehr am Anfang unserer Karriere und wollen unsere Zeit sinnvoll nutzen. Dazu sehen wir unseren Platz nicht hauptsächlich im Probensaal, sondern auf der Bühne.“

Marlon Dino: „Wir waren hier ordentliche Ensemble-Mitglieder, hatten pro Jahr etwa 30 Vorstellungen und von Ivan Liska ein Privileg, das unsere Kollegen nicht haben: Er gab uns alle Daten, für die er uns vorsah, schon vor jeder Spielzeit bekannt. So konnten wir darum herum unsere Reisen gut planen. Die Termine am BSB hatten für uns immer Priorität, und wenn eine Erkrankung in unserer Company es erfordert hätte, hätten wir Auftritte anderswo abgesagt, egal ob in Tokio, San Francisco oder wo immer.“ Daran knüpfte Lucia Lacarra an: „Es war ein wechselseitiges Vertrauen gewachsen, und das ist ja gerade in einem künstlerischen Berufsfeld so wichtig! Wir geben unser Herz, unseren Körper, unsere Seele und sind sensibel. Deshalb haben wir das Bedürfnis nach einem guten Umgang mit uns und erwarten, wenn wir uns viele Jahre voll eingebracht haben, eine respektvolle Arbeitsbeziehung, ein gutes Diskussionsniveau. Man kann ja auch von abweichenden Meinungen anderer oft etwas Richtiges lernen. Ivan Liska wusste, dass ich damals, 2002, nicht einfach eine neue Company suchte. Ich war vorher schon in Madrid, Marseille und San Francisco. Danach suchte ich nicht eine vierte Station, sondern mehr: ein Zuhause. Dieses Zuhause haben uns Ivan Liska, das Bayerische Staatsballett und München geboten. Darum waren wir überall, wo wir hinkamen, stolz darauf, das BSB in der Welt zu repräsentieren, und als dessen Botschafter haben wir es noch bekannter gemacht. Genau so froh waren wir aber auch, wieder zu unserer Heimat-Company zurückzukommen und hier zu tanzen. Das wird nun leider nicht mehr so sein. Denn bei Zelensky fehlt uns das Gefühl einer guten Energie in unserem Verhältnis. Wenn er uns Gelegenheit gab mit ihm zu sprechen, erweckte er den Eindruck, dass wir ihn belästigten, ihm die Zeit stehlen. Man müsste jedoch Respekt zeigen, um eine gute Arbeitsbeziehung zu haben, und jedes Ja oder Nein sollte begründet sein. Beides fanden wir nicht bei Zelensky. Hier wäre es für mich künftig so, als käme man nach Hause, aber da hat jemand deine Familie ausgetauscht und dort wohnen Fremde.“

Die Fremdheit liege im Wechsel der herrschenden Mentalität. Dazu Marlon Dino: „Wir haben außerhalb des Theaters nie über unsere Arbeit gesprochen, um privat unser Leben für uns zu haben. Das wurde anders nach den Treffen mit Igor Zelensky. Seit Oktober hatten wir einige mit ihm, das letzte im Mai, aber er spielte dabei mit seinem Handy, antwortete nichts Konkretes, und immer wenn wir weggingen, wussten wir gar nicht, was für eine Besprechung das eben war. Dann kam eine Mail mit Fristsetzung, bis wann wir die Verlängerung unserer Verträge unterschreiben sollten. Der Umgang mit Ultimaten liegt uns aber nicht. Zu Hause fragten wir uns längst, ob wir uns unter ihm als Chef noch wohlfühlen könnten, zumal es schon anfangs immer schwieriger wurde. Irgendwann mussten wir uns eingestehen, dass wir daran nicht glaubten. Wir sind die westliche Mentalität gewöhnt. Da kann man seine Meinung sagen, hört sich respektvoll die andere Seite an und geht dann aufeinander zu. Herr Zelensky hat die östliche Mentalität, die ich aus Albanien gut kenne.“ Lucia Lacarra ergänzte: „Ich will nicht sagen, dass das eine oder andere besser ist. Nur anders. Aber man muss realistisch sehen, dass manches nicht zusammen passt. Igor Zelensky wird letztlich der neue Direktor. Er hat einen Freifahrtschein bekommen, jetzt alles anders zu machen. 40 Prozent aller Tänzer hat er gekündigt, ohne sie in mehreren Vorstellungen gesehen zu haben oder mit ihnen zu sprechen. Dies tat Herr Bachler für ihn, ohne Angabe von Gründen. Herr Liska konnte daran nichts ändern, er war bereits kaltgestellt und konnte es kaum glauben. Auch das Repertoire wird sich weitgehend ändern. Wir glauben jedoch nicht, dass in München bisher nur sehr wenig gut war.“ Marlon Dino: „Wir waren hier, und das BSB wurde drei Mal zur besten Company in Europa erklärt.“ Weiter Lucia: „Aber statt ständig dagegen kämpfen, dass jemand anderer Meinung ist, ist es für uns das Beste zu tanzen, wo wir gefragt sind. Wir wünschen der Company keinen Misserfolg, wenn wir weg sind. Unser Herz hängt an diesem wunderbaren Theater und dem besonderen Publikum, das wir hier hatten. Eine solche Atmosphäre habe ich in keinem anderen Haus auf der Welt gefunden. Wir werden immer mit einem Auge zurückschauen nach München.“

Marlon Dino: „Wenn man aus dem Osten kommt, muss man sich in Westeuropa erst integrieren. An mir selbst habe ich gemerkt, dass die Sprache dazu das beste Mittel ist. Das gehört zum Respekt für ein Gastland, denn nur so spürt man direkt, wie die Leute hier denken. Ich wünsche mir, dass Herr Zelensky die Zeit findet, das zu trainieren. Als Chef hat er, wie ich meine, die Aufgabe, dass er seinen Tänzern Sicherheit und Vertrauen vermittelt, nicht Ungewissheit und Angst. Die herrscht jetzt bei denen, die bleiben.“

Marlon Dino ist erwachsen geworden. Er erzählt seine Entwicklung am BSB: „Im Jahr 2002 kam ich gleichzeitig mit Lucia und Cyril Pierre. In den ersten fünf Spielzeiten habe ich Lucia vielleicht zwei Mal morgens begrüßt. Ich hatte ja nie etwas mit ihr zu tun, denn sie war damals schon ein gefeierter Star, während ich im Corps de ballet anfing. Aber sie war immer freundlich und unkompliziert, niemals herablassend. Sie denkt, wir sind keine Stars, es sind die anderen, die uns dazu machen, und sie möchte nur immer ein ehrlicher, offener Mensch sein.“ Auf Lucia Lacarras belustigten Blick hin kommt er auf seine Entwicklung zurück: „Mit der Zeit hat mir Ivan Liska höhere Aufgaben übertragen, und dann kam der wirklich entscheidende Tag für mein Selbstverständnis als Tänzer, als er mir die Rolle des Onegin anbot. Den Onegin! Mit wem? Mit Lucia! Als ich sie fragte, sagte sie nur: Natürlich! Und das schätze ich an ihr sehr, etwas, das sie immer hatte: Sie gibt jedem die Chance und unterstützt ihn.“ Mittlerweile in seinen Fähigkeiten als Tänzer gewachsen, hat Marlon Dino weitere Stars wie Polina Semionowa oder Alina Cojocaru an seiner Seite gut aussehen lassen. Svetlana Zakharova, die als strahlende Primaballerina des Moskauer Bolschoi-Balletts die internationale Ballettszene seit langem gut kennt – sie gastierte 2001 beim BSB in der Titelrolle von McMillans Manon und in der Terpsichore-Gala III, beide Male übrigens mit Weltstar Igor Zelensky als erfahrenem Partner – tanzte hier im Oktober 2013 mit Marlon Dino die Nikiya in La Bayadère und nannte ihn anschließend in einem ihrer Interviews einen der besten Partner weltweit.

Das führte zu der Frage, was Lucia Lacarra für ihn zur einzigartigen Partnerin macht. „Gleich beim ersten Mal, als ich sie berührte, hat es einfach gepasst, wie ein Handschuh für meine Hand. Ich erwartete nicht, dass es so leicht war, wie gemacht für mich mit ihr zu tanzen. Und ich glaube, sie hatte das gleiche Gefühl. Die Herausforderung war: Sie sah mich an! Manche haben schon Probleme, sich beim Sprechen in die Augen zu sehen, sind vielleicht irgendwie scheu. Aber Lucia hat eine gute Art, dir in die Augen zu schauen. Sie möchte gern sehen, wie viel du aufnehmen kannst. Deshalb sieht sie dir direkt in die Augen.“ Lucia Lacarra verriet: „Wenn ich im Probensaal bin, arbeite ich wie auf der Bühne, genieße es, mit der Musik voll in die Rolle zu gehen. Als mit Marlon der erste Schritt kam, bei dem er mich halten muss, lehnte ich mich zurück. Sieh an! Ich probierte ein bisschen mehr und nahm überrascht wahr, dass das wirklich gut war. Ich habe ihn nicht getestet, aber es hat sich so natürlich angefühlt, es war eine Verbindung, an der wir nicht arbeiten mussten, sie war vom ersten Augenblick an instinktiv da. Ich konnte diese bestimmte Art von Sicherheit spüren und sah ihm in die Augen. Da war kein drittes Auge, wie manchmal frustrierender Weise, verschlossen auf der Mitte der Stirn, sondern ein klarer Blick zurück, phantastisch.“ Marlon Dino: „Sie entdeckte, dass ich das annehmen konnte. Auf der Bühne sieht man, wer jemand wirklich ist. Als ich Lucia beim Tanzen ansah, sah ich in ihr eine Person, die außerordentlich viel anzubieten hat. So habe ich eine Menge von ihr gelernt. Bei Onegin hat mir Ivan Liska sehr geholfen. Und die zweite Person, durch die ich viel verstanden habe, ohne dass Worte eine Rolle gespielt hätten, war Lucia Lacarra. Sie gab mir etwas, um damit zu arbeiten, nicht nur Schritte. Im Gegenteil! Sie gab mir dieses grundsätzliche 'Mach nicht nur Schritte, sei Du!'. Als ich den Onegin zum ersten Mal tanzte, fand ich, dass ich etwas anderes in mir habe, und das war nicht nur Ballett.“

Ein kurzer Kommentar sei erlaubt: Mit dieser Erfahrung Marlon Dinos ist angedeutet, was Lucia Lacarras Tanz so einzigartig macht, dass sie damit so viele Zuschauer ins Herz trifft, egal ob in einem abstrakten Ballett oder einer Rolle im Handlungsballett: Sie erfasst den inhaltlichen Reichtum ihrer Partien ebenso elementar wie deren musikalischen Gehalt, dehnt beides dank ihrer tänzerischen Virtuosität in seiner Sichtbarkeit weit aus und schafft schließlich dadurch, dass sie die eigene Persönlichkeit generös einbringt, die Nähe des Zuschauers zu dem, was er so stark dimensioniert sieht. Das berührt unweigerlich, zumal sie dank ihrer Technik und ihres Partners völlig frei ist, ihre fundierte und darüber hinaus ganz individuelle Empfindung des jeweils zu Tanzenden zu gestalten. Lucia Lacarra: „Ich bin, glaube ich, eine der wenigen in diesem Metier, die ihren perfekten Partner gefunden hat, den, bei dem wie von selbst alles da ist, was man sich wünscht. Diese natürliche, instinktive Verbindung, die man nicht erarbeiten kann, habe ich früher niemals erlebt. Wir fühlen einander sogar in der Art, wie wir atmen, und ich kann, wenn ich tanze, meine Augen oft schließen, weil ich ein blindes Vertrauen habe.“

Über ihre Zukunftspläne sagte sie: „Wir werden feste Gäste beim Ballett Dortmund, bei dessen Galas wir uns jedes Mal freundschaftlich willkommen fühlten. Bei Xin Peng Wang werden wir dessen Faust II kreieren und sieben Vorstellungen tanzen.“ Marlon Dino: „Bei Russell Maliphant finden wir Gelegenheit zu modernem Tanz. Wir werden nicht nur ausgewählte Projekte mit ihm machen, sondern auch Mitglieder seiner Company sein und mit ihr reisen.“ Lucia Lacarra dazu: „Das ist für mich sehr attraktiv. Denn ich will mich nicht mehr nur als klassische Ballerina wiederholen, sondern in diesem zeitgenössischen Bereich auch Neues über mich lernen. Wenn man eine lange Karriere haben will, muss man sich ändern, um jeweils das Beste zu geben, was man auf seiner jeweiligen Altersstufe erreichen kann. Sich neu zu erfinden ist eine großartige Motivation, für eine Künstlerin das Interessanteste, was sie tun kann.“ Und: „Die dritte Company, mit der wir eine engere Verbindung eingehen, ist die von Victor Ullate, meinem ersten Direktor. Schon im August nimmt er für uns seine Choreografie zu Beethovens Pastorale wieder auf. Zwischen unseren Engagements bei ihm in Madrid, in Dortmund und bei Russell Maliphant tanzen wir viele Galas. Wir haben bereits 40 Vorstellungen von August bis Dezember. Das ist es, was wir wollen: auf der Bühne sein und tanzen.“ Marlon Dino: „Vergleichen Sie das mit zwölf Vorstellungen im Jahr!“ Lucia Lacarra: „Und auf alle diese Vorstellungen aus verschiedenen Tanzwelten freuen wir uns.“ – Mit wechselseitigem Dank ging diese Pressekonferenz zu Ende: „In diesen 14 Jahren haben wir eine wunderbare Unterstützung empfunden. Kritiken möchte man oft nicht gern lesen. Aber sich nur selbst einzureden, man sei am besten, wäre gewiss auch nicht das Wahre. Es ist schön zu wissen, dass das Publikum in München unsere Arbeit schätzt und Freude daran hatte. Dafür danken wir Ihnen! Und deshalb wollten wir uns mit Ihnen treffen, damit Sie auch unsere Sicht der Dinge kennen.“

Nach diesem Gespräch in einem gleichsam privat gehaltenen Rahmen blieben nur noch die Abschiedsvorstellungen zu besuchen, um das enteilende Paar die letzten Male zu sehen. Bereits während der Vorstellung der Kameliendame am 27. Mai soll eine traurig-feierliche Gesamtstimmung hinter der Bühne geherrscht haben. Sie war vom Elegischen überschattet. Die zweite am 3. Juni als letzte mit Lucia Lacarra als Marguerite und Marlon Dino als Armand Duval zeigte dann alle Tänzer dank ihrer Professionalität wieder ganz auf der Höhe ihres Könnens. Unmittelbar darauf folgten vier Gastspiel-Abende des BSB in Ingolstadt. Der zweite am 5. Juni war der letzte, an dem beide Balanchines Sinfonie in C tanzten. Diesem Gipfelwerk des abstrakten klassischen Balletts verlieh Lucia Lacarra im 2. Satz, von Marlon Dino elegant unterstützt, auf ihre Weise einen emotionalen Sinn und damit das, worauf es überall ankommt. Dass selbst nach diesem traumhaften Pas de deux sowohl Katherina Markowskaya als auch Maxim Chashchegorov als Hauptpaar des 3. Satzes nicht blass wirkten, ist hier dankend einzufügen. Beide müssen leider auch gehen, ebenso wie Daria Sukhorukova und Cyril Pierre, die im Auftaktstück dieses dreiteiligen Abends, Frederick Ashtons Birthday Offering, glänzten. Bei einem Abschiedsgespräch mit ihm erwähnte ich froh zu sein, dass ich trotz zu seltener Reisen in München so viele Ballettrichtungen kennenlernen konnte, und er antwortete: „Genau das war der Grund, weshalb wir ans BSB kamen: Wir fanden hier nicht nur von jedem etwas, sondern von jedem so ziemlich das Beste zu tanzen.“ Schließlich die letzte der beiden Vorstellungen von Illusionen – wie Schwanensee am 19. Juni: Dieses große Handlungsballett war die eigentliche Abschiedsvorstellung für die meisten Tänzerinnen und Tänzer, die München verlassen, unter ihnen leider auch Ilia Sarkisov, dessen Vitalität in wichtigen Rollen beispielhaft war. Höhepunkte des Abends waren der weiße Schwan des 2. Akts von Lucia Lacarra und im 3. Akt der Mann im Schatten als Clown, den Marlon Dino völlig befreit mit sichtlicher Lust spielte. Trotz Applaus und Konfetti-Kanone eine emotionale Strapaze, und im Nationaltheater der vermutlich letzte Vorhang für Lucia Lacarra.

Epilog

Am 29. Juni, dem letzten Arbeitstag Ivan Liskas, der seinen Schreibtisch schon vorher leergeräumt hatte, ging auch die letzte Vorstellung von Pina Bauschs Für die Kinder von gestern, heute und morgen mit dem bisherigen Bayerischen Staatsballett über die Bühne. Angesichts prägender Soli von Joana de Andrade, Zuzana Zahradniková, Daria Sukhorukova, Léonard Engel und Shawn Throop, die allesamt ihre Abschiedsvorstellung tanzten, sowie ihrer furiosen Tänze mit denen, die bleiben und deshalb hier nicht erwähnt sind, färbte die Freude sich wiederholt melancholisch. So zum Beispiel als die 15-köpfige Besetzung zur Illustration illusorisch romantischer Liebe mit ausgebreitet flatternden Armen im Kreis „flog“. Wird man solche Höhepunkte kollektiver Gelöstheit nun wirklich hier nicht mehr sehen? Nie wieder auch, dass Tänzerinnen, wie mit einer Zwille geschossen, schreiend in die Arme ihrer Partner rennen? Diese auf höchstem Niveau dargestellten Kinderspiele – für München wirklich verloren? Lange Zeit wird auf dieser Bühne wohl niemand mehr so authentisch wie Joana de Andrada in Pina Bauschs Stück sagen: „Dies ist mein Raum! Mein Boden!“, oder am Ende der zweiten Hälfte eine, die bleibt, bedeutsam erklären: „Wir haben keine Kunden. Wir haben nur Freunde!“ – So war es, das Ende einer tiefgründigen Odyssee durch die Weite des Lebens. Begeistert erhob sich das Publikum sogleich zum Abschied des gemeinsam großartig gewachsenen Ensembles von den Sitzen. Geradezu feierlicher Applaus, besonders für Ivan Liska und die von ihm namentlich verabschiedeten Tänzer, kühle Distanz beim Dank von Intendant Bachler und Kultusminister Dr. Spaenle sowie erneutes Aufflammen der stehenden Ovationen danach. Damit hielten die Zuschauer feinfühlig Maß, um sich und die auf der Bühne bei dem vielen anzusehenden Kampf mit den Tränen zu schonen.

Der Wechsel zu Igor Zelensky ist belastet. Die Qualität des Bisherigen nicht zu vergessen verlangt der gebührende Dank. Doch darüber hinaus geht es darum, nicht nach hinten zu schauen, sondern nach vorn. Auch darin kann das Publikum von seinen Lieblingen lernen. Sehen wir also flexibel wie Tänzer, optimistisch und unvoreingenommen der Zukunft entgegen, offen für die künftige Andersartigkeit des Bayerischen Staatsballetts und die neuen Qualitäten, die sein russischer Direktor bald präsentiert.

Lucia Lacarra und Marlon Dino tanzen am Mittwoch, dem 13. Juli 2016, beim Festival dancefirst im nahen Fürstenfeldbruck (!) als Gäste Russell Maliphants Spiral Twist. Ab 29. Oktober 2016 tanzen sie beim Ballett Dortmund die Premiere von Faust II. Die Vorstellungen der neuen Spielzeit am BSB beginnen am 23. September 2016 mit Giselle. Infos unter www.staatsballett.de.

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