Der von Teodor Currentzis gegründete MusicAeterna Choir aus Perm (c) Marina Dmitrieva II

musica viva mit Mariss Jansons und Teodor Currentzis

Das musica viva Wochenende vom 30. März bis 1. April wartet mit einem in mancher Hinsicht ungewöhnlichen Programm auf. Mit Mariss Jansons und Teodor Currentzis treten zwei international renommierte Dirigenten erstmals in München mit zeit­genössischer Musik in Erscheinung. Zu hören sind unter anderem Kompositionen mit politischem Hintergrund von Iannis Xenakis und Luciano Berio sowie die Uraufführung eines bedeutenden neuen Werks von Wolfgang Rihm.

 

Mariss Jansons muss den Münchner Musikfreunden nicht extra vorgestellt werden. Als Chefdirigent des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks prägt er das Musikleben der Stadt seit nunmehr fast anderthalb Jahrzehnten auf nachhaltige Weise, und in den letzten Jahren hat er sich an vorderster Front für den Bau des neuen Münchner Konzertsaals eingesetzt. Als Uraufführungsdirigent in den der ­Gegenwartsmusik gewidmeten musica viva Konzerten, wo sein Orchester die Hauptrolle spielt, ist er jedoch bisher nicht in Erscheinung getreten. Wenn er nun am 30. März im Herkulessaal – mit Wiederholung am 31. März und anschließendem Gastspiel beim Luzerner Osterfestival – zusammen mit den drei Solisten Mojca Erdmann, Anna Prohaska und Hanno Müller-Brachmann sowie dem Chor und dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks die abendfüllenden Requiem-Strophen von Wolfgang Rihm aus der Taufe hebt, ist das auch für ihn eine Premiere.

Wer bei diesem oratorienhaften Werk eine Neuauflage der schroffen, verstörenden Klänge erwartet, auf die man Rihms Musik viele Jahre lang verkürzend redu­ziert hat, wird eine Überraschung erleben. Ein neuer Tonfall macht sich seit einiger Zeit in seiner Musik bemerkbar, und der schockhaften Ästhetik der Achtzigerjahre ist er inzwischen entwachsen – einen Rückblick auf diese wilde Schaffensphase konnte man 2012 noch einmal erleben, als das Symphonieorchester des ­Bayerischen Rundfunks unter Kent Nagano bei der musica viva den klanggewaltigen Tutuguri-Zyklus nach Antonin Artaud aufführte. In den Requiem-­Strophen schlägt Rihm einen anderen Ton an. Er ist mehr nach innen gewandt, der spontane Ausdruck tritt hinter der Reflexion zurück. Der Spannung beim Hören wird das keinen Abbruch tun.

Eine Musik der sanften Entschiedenheit

Sein neues Werk bildet den vorläufigen Höhepunkt in einer Reihe von Stücken aus den letzten drei Jahrzehnten, die sich auf unterschiedlichste Weise mit dem Thema Religion und Spiritualität befassen. Es ist auch sein exponiertestes. Denn wer wagt sich heute noch so ohne Weiteres an ein Requiem heran? Die Zeiten, als ein Verdi die Schrecken der Hölle mit opernhafter Dramatik ausgemalt hat, sind vorbei. Für uns Westeuropäer sind heute die Formen des Glaubens komplexer und vielschichtiger, die Wege verschlungener. Wenn es für Rihm Anregungen aus der Geschichte gab, dann kamen sie nicht von Verdi, sondern von Brahms, mehr noch: von Gabriel Fauré. Dessen Requiem habe es ihm besonders angetan, sagt er, »wegen seiner Diskretion, wegen dieser sanften Entschiedenheit, mit der es die Tröstung in den Mittelpunkt stellt«.

Der Titel Requiem-Strophen stammt von dem Gedicht Strophen von Hans Sahl (1902-1993), mit dem das Werk schließt: »Ich gehe langsam aus der Zeit ­heraus/in eine Zukunft jenseits aller Sterne/und was ich war und bin und/immer bleiben werde/geht mit mir ohne Ungeduld und Eile/als wär ich nie gewesen oder kaum.«
Der Schluss ist bezeichnend: Das Werk entfernt sich formal und inhaltlich stark von der klassischen Liturgie. Es ist als konzertante geistliche Musik komponiert, vergleichbar dem Deutschen Requiem von Brahms. Die wenigen liturgischen Textpassagen sind eingebettet in Psalmentexte und Gedichte, und diese stammen, neben Sahl, von Michelangelo, Johannes Bobrowski und vor allem Rilke. 

räsonanz-Stifterkonzert mit politischen Bezügen

Das zweite Konzert dieses musica viva Wochenendes findet am Samstag, dem 1. April, im Prinzregenten­theater statt und bringt Werke von Iannis Xenakis, Claude Vivier und Luciano Berio zu Gehör. Das Konzert verdankt sich der Initiative der Ernst von Siemens Musikstiftung. Seit dem Jahr 2016 präsentiert die Stiftung in Zusammenarbeit mit der musica viva des Bayerischen Rundfunks und dem Lucerne Festival die sogenannten räsonanz-Stifterkonzerte. Die Idee hin­ter der ver­dienstvollen Initiative: Musik der Gegenwart und Werke der Avantgarde, die im Verdacht stehen, so etwas wie moderne Klassiker zu werden oder es vielleicht schon sind, sollen einem breiteren, dem Neuen gegenüber aufgeschlossenen Publikum nahegebracht werden.
Die räsonanz-Stifterkonzerte arbeiten mit namhaften internationalen Klangkörpern zusammen, und so wurden für dieses Jahr das Mahler Chamber Orchestra und der MusicAeterna Choir unter der Leitung von ­Teodor Currentzis verpflichtet. Der Name lässt aufhorchen. ­Currentzis, der griechische Dirigent mit russischem Pass aus der am Ural gelegenen Stadt Perm, ist bei uns bisher vor allem durch seine technisch brillanten, musikalisch eigenwilligen Operneinspielungen bekannt geworden. Für Furore sorgte sein gerade vollendeter Zyklus von Mozarts Da-Ponte-Opern. Nun dirigiert der Tausend­sassa und Liebhaber ultraschneller Tempi erstmals auch in München zeitgenössische Musik. Man darf gespannt sein, wie sich sein Präzisionsfuror auf die Werke auswirkt. Sie werden vermutlich scharfe Konturen annehmen, zumal der von ihm gegründete MusicAeterna Choir – bei diesem Konzert erst­mals in München zu erleben – eine bedeutende Rolle spielt. Dessen Chef Vitaly Polonsky äußert sich über Currentzis begeistert: »Seine langen Orchesterproben sind ja schon legendär, und beim Chor ist es genauso. Jede Probe mit ihm ist eine neue Welt, eine Aufführung für sich. Er kennt sich blendend aus mit der Natur der menschlichen Stimme, er nutzt die gesamte Palette ihrer Möglichkeiten.«

Den namenlosen Vergessenen gewidmet

Im Programm dieses räsonanz-Stifterkonzerts gibt es viele inhaltliche Querverbindungen, nicht zuletzt solche politischer Natur. Das Eröffnungsstück stammt von Iannis Xenakis: Nuits (Nächte) für zwölf Stimmen aus den Jahren 1967/68. Damals kam in Griechenland eine Militärjunta an die Macht, die das Land sieben Jahre lang mit Terror überzog. Xenakis’ Komposition ist ein wortloser, aber ausdrucksstarker Protest gegen die Diktatur – der Gesang besteht nur aus Vokalisen, abgeleitet unter anderem aus alten sume­rischen ­Texten. Gewidmet hat Xenakis das Stück ­vier nament­lich genannten politischen Häftlingen und den ­»Tausenden von Vergessenen, von denen selbst die Namen verloren sind«.

Um Unterdrückung und ihr Gegenteil, die Utopie von Freiheit, geht es auch in Coro für 40 Stimmen und Ins­trumente von Luciano Berio. Das 1975-77 entstandene Stück verarbeitet traditionelle Gesänge von Volks­kulturen aus aller Welt und entwirft so das Bild eines multikulturellen Miteinanders. Im Kontrast dazu steht ein in diesen Kontext hineinmontiertes ­Prosagedicht von Pablo Neruda. Der chilenische Dichter klagt darin das Militärregime an, das nach dem blutigen Putsch von 1973 über das Land herrschte. Berio nannte das Werk eine »Ballade« und schrieb dazu: »Ich dachte dabei nicht an Nationen, sondern an die Begegnung von Menschen mit ihren jeweils eigenen Geschichten, mit ihren Leidenschaften und ihrer zerstörten Heimat. Ich muss zugeben, dass es in Coro eine tragische Stimmung gibt.« Berios Worte über das 40 Jahre alte Werk haben bis heute nichts von ihrer Aktualität verloren.

Als Mittelstück, eingebettet zwischen die beiden Altmeister Xenakis und Berio, erklingt die Komposition Lonely Child für Sopran und Kammerorchester von Claude Vivier. Die Problematik von Freiheit, Leben und Tod, die sich in den beiden anderen Werken als politische Aussage artikuliert, wird hier aus einer konsequent subjektiven Sicht beleuchtet. 

Der kanadische Komponist war ein Einzelgänger und fiel 1983 mit 35 Jahren in Paris einem Verbrechen im Homosexuellenmilieu zum Opfer. Sein Werk kommentierte er mit den Worten: »Lonely Child ist ein langer Gesang der Einsamkeit.« Klangliches Symbol für diese Verlorenheit ist eine gedehnte, einsam den Klangraum durchmessende Linie. Man darf annehmen, dass Vivier in dieser Komposition auch sein eigenes Lebensgefühl zum Ausdruck brachte. 

Max Nyffeler

 


musica viva
Wochenende. 

30. März bis 1. April.

 

Informationen unter br-musica-viva.de.

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