Szene aus Spartacus (c) Wilfried Hösl

Vielseitigkeit und Virtuosität

Die erste BallettFestwoche unter Ballettdirektor Igor Zelensky präsentiert als Eröffnungspremiere mit »Alice im Wunderland« ein spektakulär opulentes Bühnenvergnügen für Jung und Alt. Damit erwirbt das Bayerische Staatsballett erstmals ein Werk des Star-Choreografen Christopher Wheeldon. Aus Moskau ist das Stanislawski-Ballett mit Sir Kenneth MacMillans »Mayerling« und Sergei Polunin in der Hauptrolle zu Gast. Vier Repertoire-Vorstellungen in Bestbesetzung und eine Matinee der Heinz-Bosl-Stiftung/Junior Company gewährleisten die charakteristische Vielfalt dieser alljährlichen Festwoche des Tanzes.

 

 Die Eröffnungspremiere

Lewis Carroll, einst Professor für Mathematik in ­Oxford, stellte aus Freude am Schreiben von Nonsense-Literatur alle Gesetze der Logik auf den Kopf. Seine Erzählung Alice im Wunderland erschien 1865 und gehört zu den berühmtesten Kinderbüchern der Welt. Der Leser folgt mit Alice dem merkwürdigen Kaninchen in dessen Erdloch und fällt, ehe er es sich versieht, in die unglaublichen Erlebnisse des Wunderlands. Von dieser literarischen Vorlage ließ sich Christopher Wheeldon, der als Tänzer aus England am New York City Ballet zum Solisten wurde, im Jahr 2011 zu einem eigenständigen Kunstwerk inspirieren. Mit dieser ersten abendfüllenden Neuproduktion am Londoner Royal Ballet seit fast 20 Jahren gelang ihm ein Hit, der das Haus noch heute zum Toben bringt. Seine moderne Adaption des Stoffs beginnt mit einer Gartenparty, zu der Lewis Carroll als Gast erscheint. Dank seiner Hilfe kann Alice, die sich in den jungen Gärtner Jack verliebt, aus der Enge der viktorianischen Gesellschaft fliehen. Als sie später aus ihrem Traum erwacht, ist sie eine junge Frau von heute.

In Wheeldons Ballett wird Lewis Carroll zum Kaninchen, das Alice ins Wunderland führt, ihre Mutter zur Herz-Königin und Jack zum Herz-Buben. Jason Fowler, der den Choreografen und seine Arbeitsweise aus New York gut kennt, gehört zu dem Team, das Alice im Wunderland am Bayerischen Staatsballett zur Aufführung bringt. Er erzählt: »Alle Charaktere behalten ihren spezifischen Tanzstil, das gibt dem Stück Kontinuität, ebenso wie die Musik. Joby Talbot, ein wunderbarer Komponist, und Christopher arbeiteten schon früher zusammen. Ich war dabei, als es bei ihrer ersten Besprechung mit Bühnen- und Kostümbildner Bob Crowley hieß: Nehmen wir an, wir haben dies oder das. Wie sieht es aus, und wie hört sich sein Sound an? Daraus ging alles hervor. Das Stück beginnt mit dem Ticken der Zeit, das den zum Kaninchen passenden Rhythmus ängstlicher Hast und gleichzeitig hohe Dynamik vorgibt. Dann sagte Chris, die Raupe sei ein Radscha, dazu wolle er einen Sound zu Bewegungen, die sich verführerisch schlängeln.« Die größte Herausforderung für die Tänzer sieht Fowler in der hochkomplexen Zählweise und darin, dass sie mit ihrem Tanz etwas erzählen müssen, was die Zuschauer »wörtlich« verstehen, auch wenn es ohne Sprache vorbeizieht. Die Frage nach Höhepunkten des Stücks wehrt er ab: »Jedes Mal entdecke ich etwas Neues. Ich liebe die Musik, weil sie einen wirklich mit auf eine Reise nimmt. Es ist ein riesiges Orchester mit einer unglaublichen Percussion-Vielfalt. Man hört absolut jeden Impuls für alle Schritte. Auch die Erzählweise ist fantastisch! Ein Höhepunkt ist die Königin, die so viele lustige Dinge tut, aber das darf sie nie überziehen.«

Damit meint Fowler das Rosen-Adagio aus Petipas Dornröschen, das hier köstlich parodiert wird. Man könnte weitere Highlights nennen, doch bei einem Probenbesuch ist zu erkennen, dass in diesem sehr dichten Stück Rhythmus und Dynamik im Zusammenspiel mit freudig zum Leben erweckten Charakteren überall Vergnügen machen. Es ist immer etwas los, wohin man auch blickt. Dabei stellt gerade die Exaktheit der schnellen Schritte das Groteske der Erzählung lustig heraus. Doch wie kann Alice glaubhaft ihre Größe wechseln? Fowler: »Wenn sie sich in einem kleinen Raum bewegt, sieht sie sehr groß aus. Wenn sie klein sein soll, erreichen wir das beispielsweise durch übergroße Türen – alles eine Frage von Bühnenbildern und Projektionen.« Mit ihrer Körpergröße wechselt Alice von einem Extrem zum nächsten, bis sie zu sich selbst findet. Auf diesem Weg zum Erwachsensein lernt sie von allen, die ihr begegnen, was sie braucht. Dazu gehört auch eine enorme Bühnentechnik. »Puh«, meint eine Solistin und streicht sich mit dem Handrücken über die Stirn, »was da alles schiefgehen kann!« Das wird es aber nicht, denn alle arbeiten mit Hingabe an der Realisierung dieses bunten Spektakels.

 

Die BallettFestwoche 2017

Alice im Wunderland ist von britischem Humor durchzogen und hat gleichzeitig Tiefsinn, zunächst aufgrund des Autors Lewis Carroll und seiner Story. Bei deren Adaption für den Tanz nutzte Christopher Wheeldon genial die Struktur von Shakespeares Ein Sommernachtstraum, als er Verwandte und Bekannte von Alice in deren Traum vom Wunderland in andere Gestalten verwandelte. Hier wie dort geht es über die Komik hinaus darum, seine Identität zu finden und zu behaupten. Zum Charakter des Werks trug auch bei, dass Wheeldon es in London am Royal Ballet choreografierte, dessen Stil einzigartig und von starker Ausdruckskraft geprägt ist. Beides wird angemessen repräsentiert, denn Wheeldon lernte Tanz am Royal Ballet und ist ein fantastischer Geschichtenerzähler. Igor Zelensky gefiel sein Stück vor fünf Jahren auf Anhieb: »Ich bin sicher, dass es unserer Kompanie gut steht und dass das Münchner Publikum es lieben wird. Außerdem habe ich am Royal Ballet gesehen, wie Christopher Wheeldon als Choreograf von Jahr zu Jahr besser wurde. Jetzt ist er einer der besten.« 

Als Gastspiel zeigt das Bayerische Staatsballett ein Stück Sir Kenneth MacMillans, von dem es schon große Werke wie Manon oder Das Lied von der Erde selbst tanzte. Als Igor Zelensky sich vor zwei Jahren entschied, das Ballett des Moskauer Stanislawski-Theaters mit Mayerling einzuladen, stützte er sich auf seine Erfahrung: »Wie Sie wissen, war ich fünf Jahre lang Direktor dieser Kompanie, und Sir Kenneth MacMillan hat eine wirklich dramatische Handlung um den habsburgischen Kronprinzen Rudolf choreografiert, die auch hier viele interessieren wird. Lady MacMillan meinte nach ihrem Besuch unserer Aufführung in Moskau, ihr verstorbener Mann hätte wohl Polunin für die beste Besetzung gehalten, wenn er ihn noch hätte erleben können. Jetzt erleben wir Sergei Polunin an beiden Abenden als Rudolf in München.«

Spartacus von Yuri Grigorovich, im Dezember 2016 die erste Premiere unter Igor Zelensky, steht naturgemäß ebenso auf dem Programm wie Sir Frederick Ashtons La Fille mal gardée, die jüngste Wiederaufnahme. Eine Matinee der Heinz-Bosl-Stiftung/Junior Company steht für die Fortsetzung der Zusammenarbeit mit der Ballett-Akademie der Hochschule für Musik und Theater München. Zwei Repertoire-Vorstellungen dieser Spielzeit kommen dazu: der Dreiteiler mit Sinfonie in C von George Balanchine, In the Night von Jerome ­Robbins und Adam Is von Aszure Barton sowie John Crankos Romeo und Julia. »Wir wollen ein starkes Festival sehen«, sagt Igor Zelensky, »und ich möchte dem Publikum so viele Qualitäten unserer Kompanie zeigen,  wie es in einer Woche möglich ist. Wir beginnen mit einem modernen Handlungsballett unserer Zeit, lassen mit Spartacus ein Ballett mit russischer Dramatik folgen, zeigen im dreiteiligen Abend abstrakte Stücke, von Cranko eine Tragödie und von Sir Frederick Ashton eine Komödie.«

 

Karl-Peter Fürst

 


Christopher Wheeldon:  
Alice im Wunderland.

3. April (Premiere) und 4. April, 19 Uhr.

 

Sir Kenneth MacMillan:
Mayerling.

Gastspiel Stanislawski-Theater Moskau, 6. und 7. April, 19.30 Uhr.

 

Yuri Grigorvich:  
Spartacus.

8. April, 19.30 Uhr.

 

Sinfonie in C/In the Night/Adam Is. 

9. April, 18 Uhr.

 

John Cranko:
Romeo und Julia.

10. April, 19.30 Uhr.

 

Sir Frederick Ashton:
La Fille mal gardée.

11. April, 19.30.

 

Karten: staatsballett.de oder Tel. (089) 21 85 19 20.

 

Matinee der Heinz-Bosl-Stiftung/Junior Company.

9. April, 11 Uhr, Karten: Tel. (089) 33 77 63 oder Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!.

 

Alle Aufführungen finden im Nationaltheater statt.

 

 

 

Informationen unter br-musica-viva.de.

Spektrum

Vamos ist das führende Maskentheater-Ensemble Großbritanniens (c) Vamos Theatre

Maskentheater Vamos

»Finding Joy« - Theater voller Anarchie und Humor
Weiterlesen ...

Kinder

Sonne, Mond und Sterne (c) Elmar Herr

Sonne, Mond und Sterne

Sonderausstellung des Augsburger Puppentheatermuseums »die Kiste«
Weiterlesen ...

Klassik

Katerina Hebelková (Emilie Schindler) und Mathias Hausmann (Oskar Schindler) (c) Christian Pogo Zach

Die Starke

Thomas Morses Oper »Frau Schindler« im Gärtnerplatztheater
Weiterlesen ...

Film

Der Aufbau eines erfolgreichen Fast-Food-Imperiums gelingt (c) Splendid Film

Der Mythos des Gründers

Eine spannende amerikanische Erfolgsgeschichte über die Wurzeln der Fast-Food-Kette McDonald's
Weiterlesen ...

Theater

Stefan Merki, Jelena Kuljic, Thomas Hauser (c) Julian Baumann

Im Bauch der Stadt

Japanischer Regisseur Toshiki Okada mit »Nō Theater« in den Münchner Kammerspielen
Weiterlesen ...

Tanz

Szene aus »Jean« – Isabella Pirondi, Thomas Martino und Sandra Salietti (c) Marie-Laure Briane

Bewegte Töne

Zwei Sinfonische Ballette widmen sich der Musik Jean Sibelius' und Antonín Dvoráks.
Weiterlesen ...

Jazz etc.

Die australische Jazzmusikerin Sarah McKenzie ist mit ihrem neuen Album »Paris in the Rain« auf Tour (c) Philippe Levy-Stab

Eine Australierin in Paris

Sarah McKenzie präsentiert im Carl-Orff-Saal ihr neues Album.
Weiterlesen ...

Vorschau

Konstantin Wecker (c) Thomas Karsten

Chanson

Konstantin Wecker wird 70 Jahre alt.
Weiterlesen ...

Gastro

Bayern trifft Steiermark: Moses Wolff und Christoph Theussl (c) Veranstalter

Musik, Spaß & Übermut

Moses Wolff und Christoph Theussl präsentieren ein »Klingendes Osterreich«.
Weiterlesen ...

Literatur

Preisträger Thomas von Steinaecker (c) Jürgen Bauer

Carl-Amery-Literaturpreis 2017

Thomas von Steinaecker
Weiterlesen ...

Kunst

AES+F, »Inverso Mundus«, Still #1-20, 2015 (c) AES+F I ARS New York Courtesy of the artists, MAMM and Triumph Gallery

 Gattungsübergreifend

Im Frühjahr 2017 werden in München die Grenzen zwischen den Kunstgattungen überschritten.
Weiterlesen ...

Aktuelles

Lucia Lacarra und Marlon Dino auf ihrer Pressekonferenz © Andrea Mogwitz

Abschied

von Lucia Lacarra, Marlon Dino und fast der Hälfte des unter Ivan Liska gewachsenen Ensembles
Weiterlesen ...
Zum Seitenanfang