Juan (Mahershala Ali, oscarnominiert als bester Nebendarsteller) bringt dem jungen Chiron (Alex R. Hibbert) das Schwimmen bei (c) A24/DCM

Meisterhaftes Black Cinema

Von der Magie großer Gefühle auf der dunklen Seite des Lebens in den USA erzählt die überzeugende Coming-of-Age-Geschichte »Moonlight«.

Nach den Vorwürfen von 2016 (Lack of Color, #OscarSoWhite) boomt das Black Cinema in der diesjährigen »award season«. Cineastisch überzeugt hierbei weit vor Fences und Hidden Figures das Drama Moonlight. Regisseur und Drehbuchautor Barry Jenkins erzählt hier in kraftvollen Bildern die Lebensgeschichte des Außenseiters Chiron.

Wie man es auf dem Filmplakat kongenial umgesetzt hat, ist der Film in drei Teile aufgeteilt, die Chiron jeweils in einem anderen Alter, dargestellt von einem anderen Schauspieler, zeigen. Die Kapitel tragen jeweils einen Namen, der auch viel über die Selbstfindung der Figur sagt. Im ersten Kapitel hört der zehnjährige Chiron (Alex Hibbert) auf den Namen »Little«, der bereits seinen Opferstatus repräsentiert. Gleich zu Beginn des Films flieht er vor einigen Gleichaltrigen in ein Haus, das inzwischen so heruntergekommen scheint, dass nicht einmal mehr die Junkies dort Zuflucht suchen. In diesem »ganz unten«, das auch repräsentativ für seine Familiengeschichte steht, trifft er auf den erstaunlich positiv gezeichneten Drogendealer Juan (Mahershala Ali), der den zunächst verstörten Knaben zusammen mit seiner Freundin Teresa (Janelle Monáe) etwas unter seine Fittiche nimmt. Problematisch ist hierbei, dass Juan auch weiterhin Chirons Mutter Paula (in allen drei Teilen eindrucksvoll von Miss-Moneypenny-Darstellerin Naomie Harris verkörpert) mit Crack versorgt. Und das Schicksal der sich für die Sucht veräußernden Mutter ist an Chirons Nichtakzeptanz mitverantwortlich.

Schon die Konstellation des ersten Drittels gäbe genügend Stoff für einen brisanten Film, aber Jenkins erzählt die Geschichte des nun seinen richtigen Namen tragenden Chiron (gespielt von Ashton Sanders) weiter. Diesmal geht es um die schon im ersten Teil angerissene Freundschaft mit dem ebenfalls 16-jährigen Kevin (Jharrel Jerome), der ungleich integrierter ist in die bereits auf die kriminelle Hackordnung von Miami hinführenden Machtstrukturen an der Highschool. Dennoch steht Kevin seinem drangsalierten Freund Chiron so gut bei, wie er kann, und in einer einfühlsamen Strandszene wird daraus sogar mehr als eine Jungenfreundschaft. Nur wird Kevin in dem brutalen (und zutiefst homophoben) Umfeld quasi gezwungen, seinen Platz in der Hierarchie zu zementieren: Wer kein Täter sein will, wird automatisch zum Opfer.

Viele Jahre später treffen wir den inzwischen unter dem Gangsternamen »Black« (Trevante Rhodes) fungierenden Chiron wieder. Muskelbepackt, mit goldenen Angeber-Kauleisten und in seinem Geschäftsgehabe mindestens so unerbittlich wie früher sein Mentor Juan. Nur für den Zuschauer ist einsehbar, dass unter der superharten Schale von »Black« (übrigens ein Spitzname, den Kevin einst für ihn ersann) der Chiron von damals steckt, mit seinen Ängsten und Enttäuschungen. Dieser Aspekt seiner Persönlichkeit wird komplett unterdrückt. Im dritten Teil des Films geht es nicht nur um ein Wiedersehen mit seiner Mutter, sondern vor allem um eines mit Kevin (diesmal André Holland), der mittlerweile ein Leben fernab der Kriminalität fand und als Koch arbeitet. Wie der Film mit komplett anderen Darstellern, die komplett veränderte Figuren spielen, dennoch die alte Verbindung zwischen den beiden langsam herauskitzelt, und das mit unvorhersehbaren Konsequenzen, das veredelt den Film, der schon in den ersten beiden Dritteln verzauberte und überwältigte, abermals.

Durch die intensive Farbsetzung (Kamera: James Laxton) brennt sich Moonlight auf die Netzhaut wie nur wenige Filme. Ob das gescheiterte Sozialwohnbauprojekt Liberty City im zweiten Teil oder Kevins Restaurant: Oft wirkt das Schwelgen in Cinemascope-Bildern fast zu schön – aber es betont eindrücklich den schwelenden Schmerz, der sich unter der Machismo-Oberfläche verbirgt. Wenn jemand mit dem Vorhaben kommen würde, eine Art schwarzes Brokeback Mountain in den gefährlichsten Gegenden von Miami zu drehen, würde man ihn für verrückt erklären. Moonlight geht aber mit seinem vielschichtigen Porträt queerer Maskulinität in einem präzise geschilderten Umfeld noch darüber hinaus.

 

Thomas Vorwerk


 Start: 9. März

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