Conor (Lewis MacDougall) vor dem Monster (gesprochen von Liam Neeson) (c) Studiocanal

Sieben Minuten nach Mitternacht

Die heilende Kraft der Fantasie...

Der spanische Regisseur J.  A. Bayona bringt mit  »Sieben Minuten nach Mitternacht« effektvolles und bildgewaltiges Spektakelkino auf die Leinwand, das an Kopf und Herz appelliert.

Fantasie und Kreativität haben in diesem außergewöhnlichen Familiendrama eine kathartische, fast heilende Wirkung. Während eine auf drei Generationen verteilte Familie zu zerbrechen droht, flüchtet sich der kleine Conor in eine Fantasiewelt, in der man Bullys, Krankheit und Ungerechtigkeit einfach bekämpfen kann. Mit dem Filmprojektor des (offenbar verstorbenen) Großvaters betrachten der 12-jährige Conor und seine Mutter Elizabeth den Filmklassiker King Kong (1933) – und man merkt, wie die gemeinsame Vorliebe für den »Monsterfilm« (die Universal-Klassiker Frankenstein und Der Unsichtbare sind ebenfalls präsent) einen Bund zwischen Mutter und Sohn schmieden.

Vom Großvater weiß man fast nichts, der aufmerksame Kinogänger erhascht ihn aber mal auf einem Familienfoto, auf dem man Liam Neeson sieht. Der verleiht im Original dem »Monster« seine Stimme. Dieses ist ein riesiger animierter Baum, der dem Kind in Visionen erscheint und ihm – quasi wie der Projektor des Opas – Geschichten erzählt. Diese werden im Film als liebevoll aquarell-animierte »Filme im Film« sichtbar und dienen als lehrhafte Parabeln, die dem Kind beim Erwachsenwerden helfen sollen. Die Coming-of-Age-Geschichte Conors (»zu alt, ein Kind zu sein, und zu jung für einen Mann«) wird unfreiwillig vorangetrieben, denn da der Vater schon in den fernen USA eine neue Familie gegründet hat und er in der Schule als Mobbing-Opfer leidet (Gastauftritt von Geraldine Chaplin als Schulleiterin), ist abzusehen, dass seine Mutter den Kampf gegen ihre Krebserkrankung nicht gewinnen wird. Mit seiner verbleibenden peniblen Großmutter (Sigourney Weaver) weiß sich der Knabe nicht recht anzufreunden. Immerhin bieten ihre Porzellanfiguren ihm ein Ventil, um die aufgestaute Wut mal abzulassen, das »Monster in ihm« kommt zum Vorschein.

Aus dieser Prämisse bastelt der spanische Regisseur J. A. Bayona (Das Waisenhaus) eine wahrlich visionäre Geschichte um einen Jungen, der auf der Flucht vor der Realität eine Fantasiewelt erschuf. Wobei aber gerade diese Kreativität als positive Heilkraft im Zentrum des Films steht. Der Film basiert auf einem Young-Adult-Buch des US-Amerikaners Patrick Ness (auch bekannt durch seine aktuell verfilmte New-­World-Trilogie). Er arbeitete die Story der Irin ­Siobhan Dowd aus, die daraus selbst ein Buch machen wollte, aber zuvor dem eigenen Krebsleiden erlag. Auch hier kommt es zu einer Verstrickung von Kreativität und Lebenskampf, nur mit noch tragischerem Ausgang.

Gerade die Ungerechtigkeit des Lebens, die Suche nach einer klaren Dichotomie zwischen Gut und Böse, machen Conor zu schaffen. Doch eine klare Trennung von Fantasie und Wirklichkeit bietet der Film auf einer vordergründigen, didaktischen Ebene nicht. Bayona lädt ein, selbst danach zu suchen (wie das Detail mit dem Großvater belegt oder die Uhrzeit im Titel: Zwölf Uhr repräsentiert Realismus und Tod, sieben ist die Märchenzahl schlechthin). Dies gelingt mit einem Tonfall, der an den »sense of wonder« erinnert, den in den 1980ern das Kino Steven Spielbergs vertrat. Knorrige Albtraumbäume wie in Poltergeist, ein imaginierter Freund à la E. T. und ein letztlich doch – auf seine Art – Big Friendly Giant. Diese Inspiration sieht man auch in der aufreibenden orchestralen Musik oder einer Kamera auf Augenhöhe des jugendlichen Protagonisten.

Dabei begeistert, dass der Film sowohl für das vermeintliche Zielpublikum der Heranwachsenden funktioniert als auch für ältere Zuschauer, die schon vertraut sind mit der Ungerechtigkeit des Lebens. Wodurch Sieben Minuten nach Mitternacht wie geschaffen ist für ein generationsübergreifendes Kinoerlebnis, bei dem weniger das mitunter fast eine Spur zu perfekte visuelle Element einen Eindruck hinterlässt als die emotionalen Familienbindungen. Was natürlich auch an den darstellerischen Fähigkeiten der »Glatzenmama« Felicity Jones (oscarnominiert als Frau von Stephen Hawking in Die Entdeckung der ­Unendlichkeit) und der ausdrucksstarken Entdeckung Lewis MacDougall liegt. Wenn man Conor im Film mal erklärt, dass das Leben bei Zeichnungen »in den Augen« steckt, dann wirkt das wie ein komplett verinnerlichter Schauspiel-Tipp.

 

Thomas Vorwerk 

 


Start: 4. Mai

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