In seinem neuen Programm »Die Kunst des Unmöglichen«  führt Joja Wendth scheinbar Unvereinbares zusammen (c) Christian Barz

Nichts ist unmöglich

Joja Wendt mit neuem Programm im Prinzregententheater zu Gast

 

Von Abba bis Zappa, von Bach bis Boogie-Woogie, keiner beherrscht hierzulande die stilübergreifende große Show am Klavier so gut wie der Hamburger Joja Wendt. Technisch brillant, stets überraschend und immer witzig hangelt er sich seit vielen Jahren virtuos durch die Musikgeschichte. Mit seinem neuen Programm »Die Kunst des Unmöglichen« ist der 52-Jährige am 24. und 25. März im Prinzregententheater zu Gast. 

Applaus: Sie kommen nach längerer Zeit mal wieder ohne Bandbegleitung. Müssen Sie sparen?

Joja Wendt: (Lacht) Nein, es geht darum, das Klavier als meine eigentliche Stärke in den Mittelpunkt zu stellen, mit allen seinen Möglichkeiten. Vom Boogie-Woogie über Stride, Jazz und klassische Stücke bis zu Pop und Rock. Man kann am Klavier ja alles machen. Ich habe unlängst eine Online-Klavierschule gegründet, dabei ist bei mir eine Erkenntnis gereift, die eigentlich auf der Hand liegt: Das Klavier ist das Instrument mit der größten »Usebility«. Du hast alle Tasten vor dir, musst nur drücken und sofort hast du den Ton, drückst du ihn doll runter, ist er laut, je weniger, desto leiser. Es ist ein Perkussionsinstrument, was man gerade beim Boogie sieht; aber auch ein Melodie- und Harmonieinstrument, du nutzt beide Hände, was einen wahnsinnigen Effekt auf das Gehirn hat: Das ergibt ein Synapsengewitter wie bei keinem anderen Instrument. 

 

Kann bei Ihrer »Kunst des Unmöglichen« auch der Flügel wieder ein paar Dinge, die andere Flügel nicht können?

Ja, erst mal geht schon der Deckel von allein auf, wir haben ein Druckluftsystem in den Beinen. Ganz neu ist ein Mute-System, man muss die Saiten also nicht mehr mit einer Spielhand, sondern kann sie automatisch in zwei Stufen abdämmen, um andere Sounds zu kriegen. 

 

Und musikalisch steht was im Vordergrund?

 

Das Grundprinzip des neuen Programms ist »Mash-up«, also das Mixen von eigentlich Unvereinbarem. Wenn ich Boogie spiele, kommen Jazz-Elemente rein, beim Hummelflug Hip-Hop-Groove, bei Asturias zu den spanischen Elementen harter Rock, genau wie bei Bach. Ich will die Stücke in die heutige Zeit bringen, indem ich die Stile mische. Übrigens war diese Mischung in der Musikhistorie immer der Motor für Neues. Von Wagner mit seinem Tristan-Akkord bis zu Ray Charles, der den Blues mit dem Pop und dem Soul zusammengebracht hat.  

 

Was ja immer auch das Gefühl angesprochen hat. 

Ja, Musik ist ein wahnsinniger emotionaler Indikator. Viele Musiker sehen die Musik als Selbstzweck und lassen das Publikum außer Acht. Ich nutze sie als emotionales, multikulturelles Transportmittel. Ich glaube, dass die Leute für ihren Eintritt auch das Recht haben, dass der Funke der Musik überspringt, mit Humor und Entertainment und allem, was mich ausmacht.

 

Sie haben aber auch einen gewissen pädagogischen Ansatz?

Sozusagen, aber nicht in erster Linie. Ich möchte das nicht zu hoch hängen. Aber ich glaube, dass die Leute die Musik stärker erleben, wenn sie verstehen, was da im Konzert passiert. Ich war unlängst zwei Wochen in China. Was da los ist, kann man sich hier nicht vorstellen. Jedes Kind spielt da Klavier, die hängen mir an den Lippen, weil sie sehen: Oh, da ist mal einer, der nicht so bierernst Klavier spielt. Ich glaube, dass jeder Mensch von Natur aus musikalisch ist. Jeder kann Musik lernen wie seine Muttersprache. Hier bei uns kommen ja gerne die Eltern mit ihren Kindern in meine Konzerte, weil sie sagen: Hier ist dein Motivator. Ich versuche, der Anwalt der großen Klavier spielenden Masse zu sein.

 

Ihre eigene Ausbildung war genau genommen dreigleisig: die Hamburger Bluesszene, das Studium in Hilversum und die amerikanische Jazz-Schule an der Manhattan School of Music. Ist das die Basis Ihrer Vielseitigkeit?

Sicher.  Gerade in der Hilversumer Zeit habe ich wahnsinnig viel zusammen mit anderen geübt. Jeder der Kommilitonen brachte irgendwas anderes mit: Der eine war rhythmisch wahnsinnig gut, der andere harmonisch, der dritte hatte ein riesiges Repertoire, der nächste war Bebopper. Da hat man zusammen geübt und sich gegenseitig gepusht. 

 

Schon sehr früh konnten Sie auch mit vielen großen Stars spielen, mit Jerry Lee Lewis, Chuck Berry, Fats Domino, Memphis Slim, Joe Cocker oder Les McCann. Wie kam das?

In dieser Zeit war die Hamburger Szene wahnsinnig agil, mit Leuten wie Vince Weber, Axel Zwingen­berger oder Joe Bohnensack. Und ich war so der Kronprinz unter den Pianisten, habe mit Inga Rumpf gespielt, und wenn dann einer wie Chuck Berry in die Stadt kam und sagte: »Ich brauche einen Pianisten«, dann war ich erste Wahl. Das hat mir natürlich wahnsinnig geholfen, solche Erlebnisse mit internationalen Stars bringen dich weiter. Es ist, wie wenn du im Fußball mal Weltmeister warst, da hast du ein anderes Standing, als wenn du immer nur bei St. Pauli gespielt hast. 

 

Stellt sich also die Frage, ob man ein guter Solist sein kann, ohne vorher einmal mit wirklich Guten zusammengespielt zu haben?

Ich glaube schon, dass es möglich ist, es gibt auch Beispiele. Aber diese Begegnungen mit den Großen machen vieles leichter, helfen auch fürs eigene Selbstvertrauen. Es gibt ja das Phänomen, dass du zu Hause ein schwieriges Stück fehlerfrei spielen kannst, dies aber noch lange nicht heißt, dass du das auch auf der Bühne kannst. Diese Erfahrung muss man einfach sammeln. Dass ich das konnte, war für mich ein Riesenglück.

 

Sie waren ein Jahr an der Manhattan School of Music. Hätte es Sie nicht gereizt, länger in New York zu bleiben? 

Schon, aber ich habe mein komplettes Studium ja selbst verdient und bezahlt. Und New York war nicht nur teuer, es gab auch viel Konkurrenz. Ich habe dort Weltstars in der Hotellobby spielen sehen. New York war super, um zu lernen. Aber den Lebensunterhalt dort bestreiten – bloß nicht. Dann gibt es noch den schönen Spruch:  Man darf nicht durch die Hintertür, man muss durch die Vordertür kommen. Also lieber woanders Erfolg haben und dann durch die Vordertür zurück nach New York. Inzwischen habe ich dort auch in der Carnegie Hall gespielt.

 

Sie sind passionierter Kite-Surfer. Ist das nicht zu gefährlich für einen Pianisten?

Es war völliger Unsinn, das vor fünf, sechs Jahren angefangen zu haben. Es bedeutet für mich eine Art Freiheit, es ist ein wahnsinnig guter Ausgleich. Du bist in der Natur, das ist für mich die reine Entspannung. Allerdings musste ich auch schon mal mit 25 Stichen genäht werden, das stand sogar in der Bild. Aber nach einer Woche habe ich schon das erste Konzert gespielt. Noch mit den Fäden drin.

 

Text und Interview von Oliver Hochkeppel 


Joja Wendt: Die Kunst des Unmöglichen

24. und 25. März, 20 Uhr, Prinzregententheater

Karten: München Ticket

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