Die australische Jazzmusikerin Sarah McKenzie ist mit ihrem neuen Album »Paris in the Rain« auf Tour (c) Philippe Levy-Stab

Eine Australierin in Paris

Sarah McKenzie präsentiert im Carl-Orff-Saal ihr neues Album.

 

Sie sieht fantastisch aus, kann virtuos Klavier spielen und hat eine goldene Stimme: Die australische Jazzsängerin und -pianistin Sarah McKenzie gilt vielen schon als die kommende Königin des Main­stream-Jazz. Rasant hat es die 28-Jährige vom Studium in den USA zu einem Plattenvertrag beim renommierten Impulse-Label und von den Jazzclubs in die größeren Säle geschafft. Im Carl-Orff-Saal präsentiert sie jetzt ihr neues Album »Paris in the Rain«.

 

Applaus: Wie kommt man als Teenager in Mel­bourne zum Jazz?

Sarah McKenzie: Ich hatte einen Klavierlehrer, der mich alles Mögliche spielen ließ, Klassik, Blues. Eines Tages sagte er zu mir: »Sarah, willst du mal Jazz ausprobieren? Besorg dir eine Platte und sag mir, was du davon hältst.« Ich kaufte mir eine Kompilation: »Jazz on a Winter’s Night«. Das erste Stück darauf war Oscar Petersons Night Train. Ich verliebte mich sofort in das Stück, transkribierte die Solos, und von da an war ich dieser Musik verfallen.

 

Spielten Ihre Eltern dabei auch eine Rolle?

Nein, sie waren gar nicht musikalisch und hatten keine Jazzplatten. Auch meine Highschool-Freunde hatten mit Jazz nichts am Hut. Den habe ich selbst entdeckt und lange Zeit als eine Art »seltsames Hobby« betrachtet. Ich liebte alles darum herum, machte bald in einer Jazzband mit und der fantastische Jazztrompeter James Morrison vermittelte mir ein Stipendium. 

 

Das Klavier kam also bei Ihnen lange vor dem Gesang?

Ja, ich habe immer Klavier gespielt, hatte Unterricht vom fünften Lebensjahr an. Ich habe zwar dabei auch schon gesungen, aber die ersten Gesangsstunden nahm ich erst mit 24 in Berklee. Vor Kurzem hat mich jemand gefragt, wer mich zum Singen inspiriert hat. Da ist mir klar geworden, dass ich nie wirklich Sängerinnen wie Ella Fitzgerald oder Sarah Vaughn gehört habe, sondern immer Pianisten und Piano-Trios. Aber das hat mir nicht geschadet, denn in den entscheidenden Lehrjahren habe ich alles aus der Sicht eines Instrumentalisten gelernt, mit einem tieferen Verständnis der Harmonik und des Zusammenspiels mit anderen.  

 

Haben Sie jetzt für den Gesang Vorbilder? Shirley Horn beispielsweise?

Shirley Horn auf jeden Fall. Vor allem eben die Klavier spielenden Sänger und Sängerinnen. Abbey Lincoln, Betty Carter, Nat King Cole. 

 

Auch Diana Krall, zu deren Nachfolgerin Sie schon ausgerufen wurden?

(Lacht) Ich fühle mich sehr geehrt, Diana Krall ist eine fantastische Musikerin, als Pianistin wie als Sängerin. Ich weiß noch, als ich als Teenager erstmals von ihr hörte, dachte ich: Oh nein, sie stiehlt meine Idee! Ich mag wirklich, was sie macht, und habe großen Respekt vor ihr, aber sie ist kein direkter Einfluss. Ich versuche, meine Sachen zu komponieren.

 

Ist das Komponieren inzwischen wichtiger für Sie als Singen oder Klavierspielen?

Ich glaube, ja, auf eine seltsame Weise. Ich habe festgestellt, dass es mir ganz generell um den Song geht, egal was ich mache. Die Songwriter des Great American Songbook waren so großartig, und ich glaube, dass wir von solchem Songwriting im Moment nicht genug haben. Im Jazz von heute geht es immer um das Virtuose, das Analytische, das Intellektuelle und darüber wird vergessen, dass auch Dizzy oder Monk alle ihre unverwechselbaren Tunes geschrieben haben. Die Leute erinnern sich eben vor allem an Melodien. Und ich liebe sie so sehr, dass ich alles drum herum anordne. 

 

Auf Ihrem neuen Album findet sich auch »I’m Oldfashioned«. Sind Sie altmodisch?

Ja. Total. Absolut. Ich habe meine rosaroten Brillengläser, und wenn ich die aufsetze, verschwinde ich in meiner eigenen Welt. Und ich liebe meinen alten ­Trenchcoat samt passendem Schal. Eleganz ist zeitlos. Aber bei der Musik versuche ich, dem alten Glanz einen ­modernen Anstrich zu geben. 

 

War das Studium am berühmten Berklee College of Music in Boston immer schon ein Ziel?

Ja, das war ein Kindheitstraum von mir. Ich bin ja Australierin, also abseits der Welt aufgewachsen. Und da gibt es noch die Geschichte von meinem Vater. Er ist sehr groß und ein guter Basketball-Spieler. Als er jung war, wurde von einem amerikanischen Scout entdeckt, bekam ein Stipendium und spielte in den USA. Das machte ihn sein ganzes Leben lang stolz. Schon deshalb wollte ich immer mit einem Stipendium in die USA, auch wenn das wie ein unerfüllbarer Traum aussah. Noch nach meinem Studienabschluss in Australien, den ersten Alben und Erfolgen nagte das an mir: Es reichte mir nicht, ich wollte in Amerika und Europa spielen, auf Tour gehen, mit großartigen Leuten arbeiten und mich noch mehr pushen. Ich las von den Berklee Clinics beim Umbria Jazz Festival in Italien, meldete mich an, bereitete mich hart vor und hatte die vage Hoffnung, vielleicht ein Stipendium zu ergattern. Und genau das passierte. 

 

Direkt nach Berklee gingen Sie nach Paris. Warum?

Ich suchte damals ein Management, auch deshalb nahm ich am Sarah-Vaughn-Wettbewerb in New York teil und redete mit vielen Leuten. Tatsächlich fand ich an diesem Wochenende meinen heutigen Manager Burkhard Hopper. Dank ihm schloss ich kurz danach einen Vertrag ab mit Impulse France, also einem französischen Label.  Mein Manager sitzt in London, mein Label in Paris – da dachte ich, es wäre ein guter Schritt, nach Europa zu gehen. 

 

Den Sie nicht bereut haben?

Nein, es ist großartig hier, ich liebe es. Aber als ich in Paris ankam, hatte niemand von uns an das Visum gedacht. Also zog ich herum, zwei Wochen Paris, zwei London, dann Italien, Portugal, eine Menge Länder. Das ging zwei Jahre so und mit den Tourneen hat diese ­Reiserei eigentlich nie mehr richtig aufgehört. 

 

Deshalb finden sich auf Ihrem Album »Paris in the Rain« auch Hommagen an Rom oder Portugal. Es geht also eigentlich ums Reisen?

 

Ja. Ich lebe ja das erste Mal in Europa. All die ersten Eindrücke sind fantastisch und inspirierend. Das schlägt sich auf dem Album nieder.

 

Text und Interview von Oliver Hochkeppel 


Sarah McKenzie: Paris in the Rain.

4. Mai, 20 Uhr, Carl-Orff-Saal im Gasteig. 

Karten: München Ticket

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