Konstantin Wecker (c) Thomas Karsten

Facettenreicher Fürst der Liedermacher

Konstantin Wecker feiert seinen runden Geburtstag mit vier Konzerten im Circus Krone und einer Doppel-CD. Ob der Liedermacher mit 70 Jahren nun ein »verbitterter Alter« oder ein »heiliger Narr« ist, erfuhr Oliver Hochkeppel...

 

 

Was für ein barockes Münchner Leben: Zwischen Lyrik und Bodybuilding, Softporno und NS-Drama, Gedankenstrenge, Spiritualität und Drogenrausch, Musik, Film, Kabarett und Internet, schließlich zwischen Schwabing und der Toskana – das sind nur einige der Pole, zwischen denen sich Konstantin Wecker bewegte und bewegt. Nach dem Bühnenjubiläum »40 Jahre Wahnsinn« vor drei Jahren gilt es nun den 70. Geburtstag zu feiern, mit der Biografie »Das ganze schrecklich schöne Leben«, einer Doppel-CD und vier Konzerten im Circus Krone. 

 

APPLAUS: Bedeutet der 70. etwas Besonderes für Sie? Wie fühlt sich die große Sieben an?

KONSTANTIN WECKER: Das ist interessant, es fühlt sich ganz anders an als früher. Der 50. war furchtbar für mich. Das war irgendwie das Ende der Jugend, alles ist vorbei, dachte ich. Der 60er war genauso schrecklich. Die Zahl, das hältst du nicht aus, dachte ich mir.  Beim 70. ist es anders: Irgendwann nimmt man sein Alter an und freut sich, dass man noch fit ist. Dieses Problem der entschwundenen Jugend stellt sich nicht mehr.

 

Nur wird, je älter man wird, alles um einen herum immer komplizierter, finden Sie nicht?

Ja, aber das Drumherum, all die Organisationssachen sollten einen nicht mehr so interessieren. Der Weg sollte schon der sein, dass man innerlicher wird, gar keine Frage. Die Kernfragen wie »Warum gibt es mich?«, »Wo komme ich her?«, »Wo gehe ich hin?«, die einen immer irgendwie umtreiben, werden noch gewichtiger. Ich merke schon, dass meine Spiritualität eine ganz andere Notwendigkeit hat als früher. Ich merke es auch an dem, was ich schreibe. Das hat überhaupt nichts mit Altersmilde zu tun, dagegen wehre ich mich entschieden. Man hat das auch sehr schön an meinem verehrten Freund Dieter Hildebrandt sehen können. Der ist in seinem sensationellen letzten Programm mit 86 böser geworden als je zuvor.

 

Joachim Fuchsberger hat mal gesagt: »Alt werden ist nichts für Feiglinge.« Würden Sie das unterschreiben?

Nein, finde ich nicht. Ich hab einen schönen Satz von Richard Rohr wiederentdeckt, einem Franziskanerpater, der sich früher sehr für die Männerbewegung und für Schwule eingesetzt hat und dafür von der Kirche immer gemaßregelt wurde. Der hat sinngemäß gesagt: Bis zum 30., 40. Lebensjahr ist der Weg des Mannes der Aufbau – Familie gründen, Ego sichern und so weiter. Danach bleibt nur noch die Alternative des verbitterten Alten oder des heiligen Narren. Das habe ich mir gut gemerkt, und ich glaube, man sollte sich für den Weg des heiligen Narren entscheiden.

 

Zumal man eines von beiden zwangsläufig wird, selbst wenn man es nicht will oder merkt.

Ja, und dazu kommt, was ich in den Konzerten merke, die ich mit der gleichen, vielleicht sogar mit mehr Begeisterung spiele wie früher: Die Bühne hält mich lebendig. Das ist ein enormer Antrieb. Ich werde das nie vergessen, ich war gut zwei Jahre vor seinem Tod, also so 1997, bei August Everding in seinem Büro im Prinzregententheater, um etwas zu besprechen, und konnte in seinen Terminkalender schauen: Da waren Eintragungen bis 2014 drin.

 

Auch eine Sucht. Aber wohl eine positive?

Ja, weil es sich lohnen kann. Eines meiner schönsten Erlebnisse war unlängst die Begegnung mit einer Frau nach einem Konzert im Osten, in Leipzig, glaube ich. Die erzählte mir, dass sie am Tag nach dem Konzert auf eine Pegida-Demo gehen wollte, also pro Pegida. Jetzt sei sie aber von einer Freundin zu mir ins Konzert mitgeschleift worden, was sie eigentlich nicht gewollt habe. Morgen werde sie nun doch zur Pegida-Demo gehen – aber auf der anderen Seite. 

 

»Poesie und Widerstand«, so der Titel des neuen Programms, klingt noch politischer als »Wut und Zärtlichkeit« vor einigen Jahren. Ist das so?

Das hat sich live natürlich schon in den vergangenen eineinhalb Jahren so ergeben, dass ich wegen der Aktualität etwa die Weiße Rose wieder ins Programm nehme. Ich merke ja, dass die Leute das bewegt, unter anderem, weil die AfD die Weiße Rose für sich beanspruchen wollte. Die neue CD ist eine Doppel-CD und ein Best-of, mit nur zwei ganz neuen Sachen drauf. Aber nicht einfach zusammengestellt, sondern wir waren zwölf Tage im Studio und haben 31 Titel aufgenommen. Einfach alles noch einmal, meine Lieblingstitel nach dem heutigen Stand. Es ändert sich ja viel im Laufe der Zeit an der musikalischen Herangehensweise. Und ich habe im Moment eine wahnsinnig tolle Mannschaft.

 

Mit Severin Trogbacher, dem Gitarristen von Hubert von Goisern, den Multiinstrumentalisten Wolfgang Gleixner und Jens Fischer, mit Fany Kammerlander am Cello …

Ja, die ist unverzichtbar mittlerweile …

 

… und natürlich Jo Barnickel …

Der Jo sowieso, das ist klar. Er hat auch viele Arrangements geschrieben, sehr schöne, weil der Jo so mit mir verwachsen ist, dass er nie überarrangieren würde. Was früher durchaus mal passiert ist.

 

Zwei Titel sind nicht nur neu arrangiert, sondern ganz neu?

Ja, einer heißt Den Parolen keine Chance, und das ist eine lustige Geschichte: Als ich mit dem Komponieren zu dem Text fertig war, dachte ich mir beim Refrain: Da hast du jetzt irgendwo geklaut. Und ich habe wirklich erst dann gemerkt, dass es aus der Neunten war. Aber gut, Beethoven ist frei, da haben wir es gelassen. Der andere ist eine neue Übertragung von Gracias a la vida. Da hab ich den Verlag wegen der Rechte und einer Beteiligung angefragt, da sagten die: »Das Lied ist so erfolgreich, da zahlen wir grundsätzlich keine Beteiligung.« Das singe ich also umsonst. 

 

Anderen wird das Singen ja schon in der Schule ausgetrieben.

Ja, »Du bist ein Brummer« ist so ein Musiklehrersatz. Zu mir ist neulich eine 65-Jährige gekommen, die jetzt Gesangsunterricht nimmt und von der Familie und allen Freunden deswegen ausgelacht wird. Ich sollte was dazu sagen – ich bin ja für solche Sachen immer zuständig (lacht) – und meinte, dass ich das ganz großartig finde. Singen ist doch keine Berufssache, sondern in erster Linie etwas, das einen befreit.

 

Bei Ihnen ist die Leidenschaft für die Musik nie zwischendurch erkaltet?

Nie. Aber es stand ja mal im Raum, dass ich pianistisch den klassischen Weg einschlage. Da habe ich ein Jahr bei der Gitti Pirner Unterricht genommen, und die Gitti war so klasse zu sagen: »Konstantin, warum sollen wir dich zum Pianisten machen? Das, was du so machst, ist doch viel spannender.« Dafür werde ich ihr mein Leben lang dankbar sein.

Interview: Oliver Hochkeppel


Konstantin Wecker: »Poesie und Widerstand«

31. Mai, 1./2. Juni und 21. Juli, Circus Krone
Karten: München Ticket.

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