Das Münchener Kammerorchester in der Pinakothek der Moderne (c) Florian Ganslmeier

Klänge des Nordens

Konzert des Münchener Kammerorchesters

40 zeitgenössische Komponisten wurden seit 2003 bei der Nachtmusik der Moderne des Münchener Kammerorchesters in der Rotunde der Pinakothek der Moderne vorgestellt. Nach Jörg Widmann folgen diese Saison noch die skandinavischen Komponisten Kaija Saariaho und Hans Abrahamsen, beide 1952 geboren. 

Clemens Schuldt, neuer Chef des Münchener Kammerorchesters (MKO), der das Porträtkonzert mit Musik von Kaija Saariaho dirigieren wird und später auch die Nacht mit Werken von Hans Abrahamsen, ist spätestens seit 2015, als er die CD »Nordic Sound« mit Werken dänischer Komponisten aufgenommen hat, gespielt vom finnischen Lapland Chamber Orchestra, von der Musik skandinavischer Komponisten fasziniert: »Ich habe mich dann mit finnischer und schwedischer Musik, etwa von Anders Hillborg und Ylva Q. Arkvik, beschäftigt und immer wieder fasziniert mich, wie schön Atonalität in dieser Musik klingen kann. Die klanglich-dramaturgische Art zu komponieren, ist bei vielen Skandinaviern sehr sinnlich-farbig; auch bei Saariahos Musik geht es immer um Stimmung, um Klang, um das Hören; nicht das Strukturelle oder die Konstruktion stehen im Vordergrund und es ist egal, ob die Musik 12-tönig komponiert ist oder der Dur/Moll-Tonalität entstammt.«

Spätestens nachdem ihre Oper L’amour de loin bei den Salzburger Festspielen 2000 mit großem Erfolg uraufgeführt wurde, wurde ein internationales Publikum auf die sinnlich irisierende, klanglich ungemein aufgefächerte musikalische Sprache der heute in Paris lebenden Finnin Kaija Saariaho aufmerksam. Seither sind zwei weitere Opern, aber auch vielfältigste Kammer- und Orchestermusik entstanden. Da 22 Streicher die Kernbesetzung des MKO bilden und Saariaho außerordentlich viel für Streicher komponiert hat, war eine solche Nachtmusik überfällig. Schuldt gibt zu bedenken: »Wir in Mitteleuropa hatten diesen Bruch durch die Zeit zwischen 1933 bis 1945; und danach war aller Schönklang unmöglich geworden. Das gab es bei nordischen Komponisten nie in diesem Maße.« 

Während der Probenarbeit zu L’amour de loin entstanden Saariahos Sept Papillons – Sieben Schmetterlinge, ein Stück für Celli, mit dem die Komponistin ihre Nervosität angesichts des großen Projekts, das so viel Aufmerksamkeit auf sich zog, bändigen und sich selbst wieder erden wollte. Ein Jahr nach der Oper über eine mittelalterliche Minne-Liebe, eben Eine Liebe aus der Ferne, wurde die Neufassung von Nymphea Reflection komponiert. Ursprünglich für Quartett und Elektronik geschrieben, ersetzen in der größeren Streicher-Besetzung Instrumente die Elektronik. Sechs Teile entfalten zugleich dissonante und wunderschöne, wandernde Klangflächen, die klingen wie elegante Vogelschwärme, die sich verdichten und magisch die Richtung wechseln. In Nr. 5 entschwebt nach einem Furioso eine Sologeige gen Himmel, während in der Nr. 6 hinter einem großen Streichergesang fremdartiges Murmeln die Andacht aufraut: »Dieses Flüstern des Orchesters stelle ich mir in der Akustik der Rotunde sehr faszinierend vor«, verspricht Schuldt.

Neben New Gates für Flöte, Harfe und Viola von 1996 folgt als Hauptwerk das zwei Jahre zuvor entstandene große Konzert für Violine und Orchester mit dem Titel Graal théâtre. Der Titel entstammt einem Buch von Jacques Roubaud, den die Komponistin sehr schätzt: »Für mich hat er zwei Bedeutungen. Zum einen mag ich diese ungewöhnliche Wortkombination, weil sie zwei völlig verschiedene Dinge miteinander verknüpft: einerseits die Suche nach dem Gral und andererseits den Aspekt des Theaters […]. Zum anderen bezieht sich der Titel auch darauf, dass Roubaud in seinem Buch die alte Geschichte von König Artus und dem Heiligen Gral neu interpretiert.« Das machte Saariaho Mut, keine Angst vor der Gattung zu haben und ihren ganz eigenen Weg zu gehen. 

Saariaho stellte zwei Jahre nach der Uraufführung mit Gidon Kremer (1995) eine Fassung für Kammerorchester her, bei der John Storgård – wie in der Pinakothek der Moderne – die (identische) hochvirtuose Violinstimme spielen wird. Saariaho erläutert in einem Interview: »Es geht um die Beziehung eines Menschen zu seiner Umgebung. Der erste Teil verläuft sehr geradlinig, die Violine durchquert verschiedene Landschaften und hinterlässt dabei Spuren, die das Orchester hin und wieder aufgreift. Der zweite Teil widmet sich dann dem Konflikt.« 

Clemens Schuldt, selbst Geiger, ist sich sicher, dass man gerade diese Musik live hören muss und gibt dann noch einen Ausblick: »Nach Abrahamsen, der stilistisch so vielfältig komponieren kann, möchten wir seinem Landsmann Bent Sørensen in naher Zukunft auch eine Nachtmusik widmen. Seine Musik fasziniert mich immer wieder, weil sie so am Rand der Zerbrechlichkeit und der Schönheit angesiedelt ist, als wollte er sich in eine bessere Welt träumen. Ich könnte mir auch den Letten Peteri Vasks vorstellen und wir hatten noch nie Tan Dun oder Harrison Birtwistle, um nur zwei weitere Komponisten stellvertretend zu nennen.«  

Klaus Kalchschmid


Komponistenporträt: Kaija Saariaho.

11. März, 22 Uhr, Pinakothek der Moderne

21 Uhr Einführungsgespräch mit der Komponistin. 

Karten: München Ticket

 

 

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