Katerina Hebelková (Emilie Schindler) und Mathias Hausmann (Oskar Schindler) (c) Christian Pogo Zach

Die Starke

Thomas Morses Oper »Frau Schindler« im Gärtnerplatztheater

Oskar Schindler hatte eine starke Frau an seiner Seite; aber von ihrem Anteil an der Rettung von 1.300 Juden erzählt der berühmte Film »Schindlers Liste« von Steven Spielberg aus dem Jahr 1993 wenig. Das änderte jetzt mit Erfolg die Oper »Frau Schindler« von Thomas Morse mit dem bis in die kleinen Rollen exzellenten Ensemble des Gärtnerplatztheaters in der Reithalle.

Zu Beginn sitzt Emilie Schindler an einem Schminktisch in ihrem Schlafzimmer und am Ende auch wieder. Dazwischen liegen Jahrzehnte und ein ganzes Leben. In eine edle, violette Abendrobe gekleidet und perfekt frisiert, schimpft die Frau von Oskar Schindler anfangs an einem eleganten, teuren Mahagoni-Möbel mit großem Spiegel über das »Nazi-Pack«, mit dem ihr Mann gleich nebenan bei einem Abendessen Geschäfte machen wird; am Ende sinniert sie im schlichten Kleid an einem einfachen Tisch, von Oskar längst verlassen, resigniert im argentinischen Exil über ihr Leben – im Zeitraffer, wenn sie die schon angegraute Perücke abnimmt, darunter noch schütterere, grauere Haare sichtbar werden und sie dazu singt: »Dann gab es diesen Film über Oskar und die Liste. Guter Film. Leider kam ich darin fast gar nicht vor.«

Dieses in der Tat große, geschichtsklitternde Manko konnte jetzt der Komponist Thomas Morse mit einem Libretto von Kenneth Cazan, der auch die Uraufführung inszenierte, mit Erfolg ändern. Beiden gelang es mit wenigen, nicht ins Gewicht fallenden Ausnahmen, alles Heikle zu umschiffen, das ein Stoff in sich birgt, der indirekt den Holocaust zum Thema hat; in dem Nazis auftreten und geschundene Juden. Dies gerade, weil die beiden vieles nicht gescheut haben. So treten fast verhungerte und am Kältetod gestorbene Menschen auf, haben Nazi-Offiziere schon in der ersten Szene einen brillant widerlichen Auftritt, muss Emilie bei der reichen Besitzerin einer Mühle, die Mehl liefern könnte (Elaine Ortiz Arandes mit umwerfender Bühnenpräsenz in einem großartigen Mini-Auftritt) und ihrem ehemaligen Schwimmlehrer, dem Quartiermeister Schneefeld (Christoph Seidl), der sofort eine erotische Chance wittert, vorstellig werden, um das Schlimmste zu verhindern. Wie bestimmt und mutig sie Wachpersonal gegenübertritt, beeindruckt, aber auch, wie sie schon in der ersten Szene den Nazi-Gattinnen mit entwaffnender Ehrlichkeit die Stirn bietet.

Der wunderbaren Mezzosopranistin Katerina Hebelková gelingt es in den 150 Minuten dieser Oper, die Wandlung von einer verwöhnten, aber immer wieder betrogenen zu einer mutig alles Persönliche hinter sich lassenden Frau zu zeigen, die tapfer schwere gesundheitliche Probleme bewältigt und selbst am Ende, als sie vor dem Nichts steht, nicht verzweifelt, sondern Demut vor eben dem Leben beweist, das ihr so viel abverlangt hat. Auch Bariton Mathias Hausmann vermag die Entwicklung vom Karrieristen und Nutznießer des Kriegs zum Retter von über 1.000 Juden überzeugend zu verkörpern, selbst wenn er bis zuletzt ein ambivalenter, keinesweg sympathischer Charakter bleibt. 

Die sehr eingängige, tonale Musik des (Film-)Komponisten Thomas Morse könnte in ihrem manchmal etwas gleichförmigen Konversationston, vor allem in den Singstimmen, und der manchmal sparsamen, manchmal verführerisch streichersatten Begleitung des Orchesters irgendwann langweilen, aber das Gegenteil ist der Fall. Hat man sich einmal darauf eingelassen, dass hier ein Filmmusik-Komponist sein Metier nicht verleugnet, entwickelt diese Musik einen eigentümlichen Sog, gerade weil sie so neutral bleibt und für verschiedene Szenen und für unterschiedlichste Charaktere selten Eigenständiges entwickelt. 

Umso raffinierter komponiert ist der Beginn der vierten Szene des ersten Akts: Da unterlegt Morse die flammende Rede Schindlers, in der er vor ­Nazi-Schergen dafür wirbt, dass er jüdische ­Zwangsarbeiter für seine Fabrik braucht, mit den ersten 54 Takten des originalen Tristan-Vorspiels. Dazu erklingt keine kratzende Platte, wie das Libretto vorsieht, sondern das Orchester spielt wunderbar live. Sehr illustrativ gelingt die Musik zur Bahnfahrt ins Schweizer Exil, die Steve Reichs Different Trains kreativ weiterdenkt. Intensiv sind viele ariose Momente vor allem Emilies, heraus sticht aber die einzige große zentrale, exaltierte Verteidigungs­arie, die Emilies Hausmädchen Marthe, verkörpert von Jennifer O’Loughlin, im ersten Teil stumm, aber hochpräsent immer im Hintergrund, am Ende mit großer Emphase bis zum hohen B singen darf, wenn an der Schweizer Grenze die Schindlers als Mitglieder des deutschen Geheimdienstes verhaftet werden sollen.

Obwohl die Reithalle keinen Vorhang und keinen Guckkasten bieten kann, funktioniert das Ganze in diesem offenen Raum szenisch hervorragend: Die Drehbühne sieht aus wie die Ringe eines großen ­altertümlichen Herds, womöglich als Anspielung auf die Verbrennungsöfen der Konzentrationslager! An den Rändern sind auf ihr verschiebbare Fassaden montiert, die Nazi-Architektur spiegeln und immer wieder andere Räume bilden können, sowie zwei riesige Tore links und rechts des hinter der Szene erhöht sitzenden Orchesters. Auch die Kostüme sind so historisch korrekt wie fantasievoll (Bühne und Kostüme: Kevin Knight).   

Klaus Kalchschmid


Thomas Morse: Frau Schindler.

 

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