»Flötenkönigin« Dorothee Oberlinger (c) Henning Ross

Die Flötenkönigin

Dorothee Oberlinger verrät, was die Faszination und das Geheimnis der Flöte ausmacht.

Kleine Mädchen werden oft mit der Blockflöte gequält, nicht so die fünfjährige Dorothee Oberlinger: »Meine Mutter war im Urlaub in Polen und brachte für sich und mich polnische Holz-Blockflöten mit, die wunderbar aussahen und auch gut klangen. Wir haben uns das Spiel dann beide gemeinsam beigebracht, ist sie doch Querflötistin. Niemand musste mich jemals zum Üben drängen, ich habe später sogar noch Cello gelernt.«

Erst einmal wollte Dorothee Oberlinger freilich Schulmusikerin werden, aber die Blockflöte ist immer ihre große Liebe geblieben, auch wenn sie während ihres Studiums in Köln auch die Traversflöte ausprobiert und »viele Stunden mit der Böhm-Flöte verbracht hat. Es gibt bei der Blockflöte so viele Stimmlagen und Instrumententypen – die rauchigen Renaissanceflöten, die brillanten Barockflöten.«

Anders als Stradivari-Geigen, die bei professionellem Spiel auch nach Jahrhunderten noch ihre spezifische Qualität, Schönheit und Reichtum des Klangs entfalten können, schadet dem alten Holz einer Blockflöte die Feuchtigkeit, die beim Spiel der Atem mit sich bringt: »Wenn der Block aufquillt, kann er die Flöte geradezu sprengen; er ist aus weichem Zedernholz und man kann ihn herausschlagen. Aber wenn man ihn austauscht, killt man die Seele des Instruments.« Über die Jahrzehnte und Jahrhunderte schrumpfen Instrumente, die nicht mehr gespielt wurden, verziehen sich, klingen also nicht mehr gut, doch »die historischen Instrumente aus dem 18. Jahrhundert, die ich mal kurz anspielen durfte, waren großartig«. Aber weil ein solches Instrument für um die 30.000 Euro gehandelt wird, finden sich in Oberlingers Sammlung von sage und schreibe 100 Instrumenten »nur« moderne Nachbauten, die »nach Timbre ausgesucht werden, wie ein Opernregisseur die Stimmen von Sängern wählt – je nach Charakter des Stücks«. 

So geschah das auch für die neueste CD, die auf eine Reise geht von der Barockmusik ins Rokoko: »Schon am Hof der Großmutter von Friedrich dem Großen gab es berühmte Musiker und er hat wohl ihre Liebe zur Musik geerbt. Das ist wunderbar verfeinerte Musik, die er in ganz kleinem Kreis aufführte – nicht in so großem Rahmen wie auf dem berühmten Menzel-Gemälde.«

Dorothee Oberlinger ist nicht nur eine phänomenale Blockflötistin, seit 2009 leitet sie auch das Institut für Alte Musik am Mozarteum in Salzburg: »Viele wollen nicht in ein ›normales‹ Orchester, sondern werden ­Freelancer, die in verschiedenen Barockorchestern spielen können. Deshalb habe ich Masterstudiengänge in Barockflöte oder Barockgeige etabliert, für die ich hart kämpfen musste. Jetzt haben wir dafür neue Professoren und ich glaube, es ist ein gutes Institut geworden, das mit seiner Arbeit auch ausstrahlt. Es gibt eine jährliche Barocknacht und Koproduktionen etwa mit den Innsbrucker Festwochen für Alte Musik oder dem Royal College of Musik mit einem Telemann-­Programm, das auch nach London geht.«

Seit 2009 leitet Dorothee Oberlinger auch die Barock­Festspiele in Bad Arolsen: »Dieser geschichtsträchtige Ort wird das hessische Versailles genannt, es gab hier eine Hofkapelle; Telemann, der ums Eck immer Kur gemacht hat, war im schönen Barockschloss zu Gast, es gibt auch eine Barockkirche und seit 35 Jahren dieses Festival, das unter städtischer Verwaltung stattfindet, ich kann mich also auf das künstlerische Programm konzentrieren.« Dieses Jahr stehen Telemann und Monteverdi im Zentrum und die Streicher, etwa die sogenannte Viola da spalla, ein celloartiges Ins­trument, das man aber am Kinn spielt. 

Mit Reinhard Goebel, der 2009 der Dirigent ihrer CD mit Konzerten von Telemann, Christoph Graupner und Johann Christoph Schultze war, ist Oberlinger, die 2013 alle zwölf Fantasien Telemanns für Blockflöte solo eingespielt hat, zum 150. Geburtstag seine »Botschafterin«, war er doch früher der berühmteste Barockkomponist: »Er hat für mein Instrument ungeheuer viel, aber auch sehr vielschichtig komponiert, immerhin wurde er 85 Jahre alt. Charakteristisch für ihn ist der ›vermischte Geschmack‹, also die Verbindung verschiedener Nationalstile, dem italienischen, französischen und deutschen; es finden sich aber auch osteuropäische Elemente, Volksmusik aus Polen etwa. Er war ein Tausendsassa und es lohnt sich, ihn neben Händel, Vivaldi und Bach wieder häufiger aufzuführen«. 

»The Passion of Musick« heißt Dorothee Oberlingers 2014 erschienene CD mit dem von ihr gegründeten Ensemble 1700, die  ein breites Spektrum englischer und keltischer Musik des 17. Jahrhunderts bietet. In München gibt es eine Vielzahl der Stücke aus dieser CD und fast alle Musiker sind wieder mit dabei, aber leider nicht der wunderbar entspannt verinnerlichte Fiddle-Spieler Caoimhin Ó Raghallaigh!


Klaus Kalchschmid


5. Mai, 20 Uhr, Herkulessaal der Residenz.

Karten: Tel. 0800-5 45 44 55

 

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