»An der Ruhrmündung bei Duisburg«, 1929/30 (c) Albert Renger-Patzsch

Stille über der Ruhr

Themenzentrierte Fotoausstellung in der Pinakothek der Moderne über das Ruhrgebiet im Spannungsfeld zwischen Industrie-, Stadt- und Kulturlandschaft

Ein Porträt des Ruhrgebiets im Spannungsfeld zwischen Industrie-, Stadt- und Kulturlandschaft schuf der neusachliche Fotograf Albert Renger-Patzsch (1897-1966) in den 1920er- und 1930er-Jahren. Die themenzentrierte Einzelausstellung in der Pinakothek der Moderne zeigt weit über 100 Fotografien aus dem Bestand der Stiftung Ann und Jürgen Wilde.

Die Gasometer- und Hochofen-Fotografien von Bernd und Hilla Becher sind zu Ansichtskartenmotiven geworden. Die aus der Düsseldorfer Akademieklasse der Bechers hervorgegangenen Fotokünstler Andreas Gursky, Candida Höfer, Thomas Ruff oder Thomas Struth genießen heute in der Kunstszene Weltruhm. Doch woher holten sich die Bechers ihre Inspiration zum eigenen künstlerischen Tun, wer beeinflusste sie? Hier fällt dann der Name des Fotografen Albert Renger-Patzsch, an dessen 50. Todestag am 27. September 2016 erinnert wurde, auch mit der Einzelausstellung in der Münchner Pinakothek der Moderne. Albert Renger-Patzsch wird 1897 in Würzburg geboren. Sein Vater, ein Musiker und begeisterter Amateurfotograf, vermittelt ihm die formal-künstlerischen Aspekte des Fotografierens und die Fertigkeiten wie Kniffe beim Fotoentwicklungsprozess. Im Jahr 1925 macht sich Albert Renger-Patzsch als Fotograf selbstständig. Sein Fotografieren ist üblicherweise auftragsgebunden. Die Auftraggeber kommen aus der Kultur- und Verlagsszene sowie aus der Industrie. Schon nach wenigen Jahren hat sich Albert Renger-Patzsch als Sach- und Industriefotograf einen bekannten Namen erarbeitet. Zusammen mit August Sander und Karl Blossfeldt zählt er zu den Fotografen einer Neuen Sachlichkeit, deren künstlerische Maßstäbe bis heute ihre Gültigkeit behalten haben. Die fotografische Erfassung des Ruhrgebiets, seiner Stadt- und Industrielandschaften, bildet hinsichtlich der üblichen Arbeitsweise des Fotografen allerdings eine Ausnahme. Es handelt sich bei diesem Unterfangen um ein Projekt, das der Fotograf aus eigenem Antrieb begann und das ihn zwischen 1927 und 1935 beschäftigt hat. Vorstellungen eines Verlegers, eines Museumsleiters oder andere Wünsche eines Auftraggebers spielen hier keine Rolle. Der Fotograf kann allein seinen eigenen künstlerischen Intentionen folgen. Der Nachlass des Künstlers, den das Sammler-Ehepaar Ann und Jürgen Wilde erwerben konnte, lässt den Schluss zu, dass Albert Renger-Patzsch selbst eine Ausstellung oder Buchveröffentlichung dieser Ruhrgebietsaufnahmen geplant hatte, die sich aber nicht realisieren ließ. Die Pinakothek der Moderne präsentiert also zum Gedenkjahr aus den Beständen der Stiftung Ann und Jürgen Wilde erstmals diese bedeutende Werkgruppe in Form einer umfassenden Einzelausstellung.

Der neusachliche Blick

In den Kompositionen von Albert Renger-Patzsch sind Klarheit, Stille und Strenge genau ausbalanciert. Hektisches Stadtleben oder die lärmende Betriebsamkeit von Hafen und Industrie finden hier nicht statt. Auch erhalten die Menschen keine Gelegenheit, sich in den Vordergrund zu spielen. Es gibt sie als Teilnehmende an und in der Landschaft, sei es das kleine Mädchen am Zaun, die Leute vor der Tür oder auf der Straße. Stürzende Linien ebenso wie ungewöhnliche, Dynamik vermittelnde Blickwinkel sind getilgt. Am liebsten fotografiert der Künstler im Herbst und Winter oder in den Morgenstunden, wenn leichter Nebel und Dunst die Kontraste abmildern. Die Staffelung von Vorder-, Mittel- und Hintergrund ist im Interesse der räumlichen Wirkung raffiniert ins Werk gesetzt. Die Wäsche an der Leine, der Förderturm in der Ferne, die Kühe am Ufer vor ankernden Lastkähnen – die Landschaft erscheint in ihrer Beeinflussung durch die Zivilisation, die längst zu einer Art zweiter Natur geworden ist. Was hier noch nicht in den Blick gerät, sind die später offenkundig werdenden Problemfälle der Umweltzerstörung, der Zersiedlung des ländlichen Raumes, der Verdrahtung und Asphaltierung der Landschaft. In Kürze: Die Kehrseiten der Industrialisierung bleiben weitgehend ausgespart, ihr ästhetisches Faszinosum als Signum der Moderne überwiegt.

Das Ruhrgebiet heute

Renger-Patzschs fotografische Bestandsaufnahme des Ruhrgebiets ist mehr als 80 Jahre alt. Wie sehen die Menschen heute ihren Lebensraum? Wie gehen angehende Fotokünstler in der Gegenwart mit dem Thema Ruhrgebiet um? Der Sparkassen-Kulturfonds des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands und die Bayerische Sparkassenstiftung rufen aus Anlass der Ausstellung unter dem Hashtag #Stadtlandbild zur Teilnahme an einem Social-Media-Projekt auf. Auf Instagram können Bilder und Eindrücke vom heutigen Ruhrgebiet, zum gegenwärtigen Stadt-Land-Verhältnis oder zur Rückverwandlung von Industriebrachen in Kulturlandschaften hochgeladen werden. Parallel dazu verfolgen Studierende der Folkwang-Schule in Essen den Wandel der »Ruhrgebietslandschaft« heute. Albert Renger-Patzsch lebt also weiter. Die Bildermacher, Knipser und Fotostudenten der Gegenwart modifizieren seine Impulse in ihren aktuellen Bildern.

 

Rüdiger Heise


Albert Renger-Patzsch. Ruhrgebietslandschaften.

Bis 23. April, Di-So 10-18 Uhr, Do 10-20 Uhr, Pinakothek der Moderne, Sammlung Moderne Kunst, Barer Str. 40.

Informationen: Tel. (089) 23 80 53 60.

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