AES+F, »Inverso Mundus«, Still #1-20, 2015 (c) AES+F I ARS New York Courtesy of the artists, MAMM and Triumph Gallery

 Gattungsübergreifend

Im Frühjahr 2017 werden in München die Grenzen zwischen den Kunstgattungen überschritten.

Im Frühjahr 2017 gibt es in der Münchner Kunstszene mehrere Ausstellungen, in denen auf bemerkenswerte Weise die Grenzen zwischen den Kunstgattungen überschritten werden: Im Haus der Kunst verbinden sich Musik und Film mit den bildenden Künsten, im Olympiapark hat die Street-Art ihren Auftritt und bei »Kino der Kunst« geht es um Filme bildender Künstler.

Früher fand der Wettstreit unter den Künsten erhebliche Beachtung: So versetzte der Streit um die Vorherrschaft von Ton oder Wort im Musikdrama Heerscharen von Komponisten und Theoretikern in Wallung. In den bildenden Künsten kämpften Malerei und Bildhauerei im sogenannten Paragone (ital. Vergleich, Gegenüberstellung) um den Vorrang. Gegenwärtig ist dieses agonale Verhältnis der Künste zueinander der Kooperation und der interdisziplinären Arbeit an gemeinsamen Fragestellungen gewichen. So sind in diesem Frühjahr in der Münchner Kulturszene gleich mehrere Projekte zu besichtigen und zu besuchen, in denen verschiedene Kunstgattungen zusammenwirken und einander ergänzen.

 

Arbeit als künstlerisches Problem

 

Der Arbeitswelt und ihrer Reflexion im Kino gehörte das besondere Interesse des Künstlers Harun Farocki, der im Jahr 2014 im Alter von 70 Jahren gestorben ist und den das Haus der Kunst mit der Ausstellung Counter Music posthum ehrt. Der Filmemacher machte darauf aufmerksam, dass die Beschäftigung mit der Arbeitswelt seit Lumières Kurzfilm La Sortie de l’Usine Lumière à Lyon (Arbeiter verlassen die Lumière-Werke) aus dem Jahr 1895 zu den Gründungsmythen des Kinos gehört. 100 Jahre später bezieht sich Farocki in seinem Filmessay auf dieses Werk. Im Unterschied zur Zeit der Brüder Lumière hat die Arbeit heute oft gar keinen richtigen Ort wie weiland die Fabrik und aus ihr entspringen auch keine konkreten Objekte. Arbeit im digitalen Zeitalter ist virtuell und den Filmemacher beschleicht die Angst um ihre Darstellbarkeit im Bild, die offenbar im Verschwinden begriffen ist. Wie wird man sich künftig über Arbeit, die wenig oder keine Spuren hinterlässt, verständigen können? Wie kann man sie, etwa über bildkünstlerische Verfahren und Strategien, noch sichtbar machen?

 

Lob des Quadrats

 

Das Haus der Kunst als Ausstellungsort für ein Musiklabel klingt nach einem Paradox. Hinter der Abkürzung FMP verbirgt sich die Free Music Production, eine in Berlin beheimatete Musikproduktionsfirma, die sich um den Saxofonisten Peter Brötzmann, den Bassisten Jost Gebers und den Pianisten Alexander von Schlippenbach bildete und ab 1968 mehr als 40 Jahre lang dem Free Jazz wichtige Impulse zu geben vermochte. FMP erschloss offene Räume jenseits des Konzertsaals und der Clubatmosphäre, bezog afrikanische und asiatische Volksmusik in seine Aktivitäten ein, gab feministischen Musikerinnen eine Plattform und brachte es auf annähernd 500 Einspielungen. Das Label suchte die Kooperation mit bildenden Künstlern wie Penck, Günther Förg und Martin Kippenberger. Die Ausstellung dokumentiert das vielfältige Vernetzungsgeschehen des Labels, wobei Plakate, Fotos, Flyer, Videos und eben auch Plattencover, jene quadratische Herausforderung für das Gestaltungsvermögen von Grafikern und bildenden Künstlern, im Mittelpunkt stehen. Am 5. und 6. Mai werden die Gründungsväter von FMP zwei Abende im Haus der Kunst gestalten, an denen dann auch die Musik ins Museum einkehren wird.

 

Filme von Künstlern 

 

Im System der Künste zählt das Kino zu den darstellenden Künsten und ist insofern für bildende Künstler kein Konkurrent, sondern schlicht ein ganz anderes Medium. Das Münchner Festival Kino der Kunst zeigt neueste Künstlerfilme, die sich der Analyse der gegenwärtigen Wirklichkeiten verschrieben haben. In kaum vergleichbarer Weise verknüpft dieses von Heinz Peter Schwerfel geleitete Festival dabei die Filmszene mit den bildenden Künsten. Rund 30 lange und kurze Spielfilme von bildenden Künstlern kommen diesmal zur Aufführung. Vertreten sind die russische Gruppe AES+F, der Chinese Cheng Ran, der Franzose Clément Cogitore, Julian Rosefeldt mit seinem Manifesto sowie der Film Simple Little Lives des Iraners Shoja Azari, produziert von Shirin Neshat. Im Wettbewerb konkurrieren sie um Preisgelder von 25.000 Euro, vergeben von einer Jury, der neben anderen die Schauspielerin Nina Hoss angehört. Das Festival wird durch ein umfangreiches Rahmenprogramm begleitet, das die Spielstätten in der HFF mit den umgebenden Museen verbindet.

 

Die Kunst der Straße

 

Am Gründonnerstag wird die Ausstellung Magic City – Die Kunst der Straße eröffnet. Über 50 internationale Street-Art-Künstler aus mehr als 20 Ländern verwandeln die Kleine Olympiahalle in eine Traumstadt. Die beiden Kuratoren Carlo McCormick (New York) und Ethel Seno (Los Angeles) haben prominente Vertreter der Street-Art nach München locken können, darunter Martha Cooper, ROA, Tristan Eaton, Ron English, DAZE, Shepard Fairey, Ganzeer, Olek und Dan Witz. Loomit und WON ABC vertreten die lokale Szene und erinnern daran, dass die deutsche Street-Art von der Stadt an der Isar ihren Ausgang nahm. Magic City versteht sich weniger als Ausstellung denn als ein Gesamtkunstwerk, das den gesamten öffentlichen Raum bespielt und beansprucht, und zwar nicht nur mit Bildern und Installationen, sondern auch mit Klängen, etwa von Oscar-Preisträger Hans Zimmer. Das Ereignis wendet sich an Jung und Alt, Szenekenner und neugierige Interessenten.

 

Rüdiger Heise


 

Harun Farocki: Counter Music. 

Bis 28. Mai. 

Free Music Production/FMP: The Living Music. 

Bis 20. August, Mo-So, 10-20 Uhr, Do 10-22 Uhr, Haus der Kunst. 

Informationen: Tel. (089) 21 12 71 13.

 

Harun Farocki: Filmnacht zum Thema Arbeit. 

22. April, 21 Uhr, Kammer 2 der Münchner Kammerspiele. 

 

Kino der Kunst. 

19. bis 23. April, HFF, 23. April, City Kinos Sonnenstraße und weitere Orte. 

Informationen: kinoderkunst.de.

 

Magic City - Die Kunst der Straße. 

13. April bis 3. September. Di-Fr und So 10-18 Uhr, Sa 10-22 Uhr. Montags geschlossen. Kleine Olympiahalle. 

Informationen: magiccity.art.

 

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