Szene aus »Jean« – Isabella Pirondi, Thomas Martino und Sandra Salietti (c) Marie-Laure Briane

Bewegte Töne

Zwei Sinfonische Ballette widmen sich der Musik Jean Sibelius' und Antonín Dvoráks.

Als man Anfang des 20. Jahrhunderts begann, Choreografien auf Grundlage sinfonischer Werke zu schaffen, zeigten sich Komponisten, Dirigenten und Musiker empört über die Missachtung des »Absoluten«, das jeder großen Sinfonie innewohne, jedoch durch die choreografische Interpretation notgedrungen vernichtet würde. Nicht zuletzt durch die Arbeiten von so bedeutenden Choreografen wie Maurice Béjart, John Neumeier und Jirí Kylián konnte sich das Sinfonische Ballett mittlerweile jedoch erfolgreich als eigene Subgattung international etablieren. 

So präsentiert mit Jean und Antonín auch das Staatstheater am Gärtnerplatz zwei Sinfonische Ballette. Ballettdirektor Karl Alfred Schreiner interpretiert mit seiner Kompagnie Jean Sibelius’ 7. Sinfonie, und der Ire Michael Keegan-Dolan choreografiert die ­8. Sinfonie Antonín Dvoráks. Beide Choreografen kon­zentrieren auf die Gemeinsamkeiten zwischen den Kunstformen: Musik und Tanz treffen sich in ihrer gemeinsamen Wortlosigkeit und Abstraktheit wie auch in ihrer Zeitlichkeit und Vergänglichkeit. 

»Die Achte ist Dvoráks heiterste Sinfonie, in der der Bezug zur Folklore, also zur böhmischen Tanzmusik, sehr stark spürbar ist. Trotzdem ist sie in ihren tie­feren Schichten auch sehr traurig und melancholisch.« Keegan-Dolan ist von dieser Dualität zwischen Fröhlichkeit und Schwermut in Dvoráks Musik fasziniert. Sie evoziert Bilder und Emotionen, die sich gut in Bewegung übersetzen lassen. Er konzentriert sich in seiner Arbeit auf starke Bilder zwischen ausgelassener Party, Begräbnisstimmung und religiösen Motiven. Die reiche Melodik der Partitur bietet hinreichend Raum für starke, emotionsgeladene Tanzmomente. 

»Mein Leben ist entgleist. Alkohol hilft mir, Nerven und Gemüt zu betäuben. Wie unendlich tragisch ist doch das Schicksal eines alternden Komponisten!« Der finnische Komponist Jean Sibelius befand sich 1924, im Uraufführungsjahr seiner 7. Sinfonie, am Ende seiner Kräfte. Dennoch zeugt seine C-Dur-Sinfonie von gewaltiger, durchaus positiver Strahlkraft. »Anders als Dvoráks Achte scheint die Traurigkeit der Musik hier nur auf der Oberfläche. In ihrer Tiefen­struktur finden sich viele lebensbejahende ­Momente«, meint Karl Alfred Schreiner. Auch hier beeindruckt die Dualität von Schmerz und Frohsinn. »Sibelius’ 7. Sinfonie«, so Schreiner weiter, »ist für mich ein starker, in Töne gefasster Ausdruck der Vergänglichkeit allen Seins, aber ganz ohne depressive Implikationen; vielmehr höre ich hier ein positives Bekenntnis zur Zeitlichkeit, vielleicht auch zur Sterblichkeit. Und das ist ein Aspekt, der im Tanz immer vorhanden ist und sich wunderbar choreografieren lässt.« Der Musik entsprechend zeugt Schreiners Choreografie also von der tief menschlichen Erfahrung von Kraft und Ermüdung, von Werden und Vergehen.

Mit Jean und Antonín werden also nicht bloß zwei bedeutende Sinfonien »vertanzt«. Vielmehr gehen Michael Keegan-Dolan und Karl Alfred Schreiner auf Spurensuche und ergründen den tiefen emotionalen Gehalt der jeweiligen Partitur wie auch die enge Verbundenheit zwischen dem kunstvoll gestalteten Klang und dem tanzenden Körper. 

David Treffinger


 

Jean und Antonín von Michael Keegan-Dolan und Karl Alfred Schreiner.

Uraufführung am 1. April, 19.30 Uhr; weitere Vorstellungen am 3., 4., 6., 8., 9. und 12. April, Reithalle. 

Karten: Tel. (089) 21 85 19 60.

 

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