Alfred Kleinheinz (Pförtner) und Sophie von Kessel (Lady Macbeth) (c) Dashuber

Verspielter Schrecken

Andreas Kriegenburgs »Macbeth« vermag trotz starker Bilder nicht zu fesseln. 

Die siegreichen Kämpfer sind heimgekehrt. Blutüberströmt und keuchend stehen die Männer mit nackten Oberkörpern zwischen hoch aufragenden stilisierten schwarzen Lanzen. Reihum wischen sie einander das Blut ab, ehe sie saubere Sakkos überziehen. Doch so leicht lassen sich die Spuren des Krieges nicht abstreifen. Der verkündete Frieden, das wird schon zu Beginn deutlich, ist fragil.

Der Boden, auf dem sich die Menschen bewegen, hängt schief. Als Spielfläche (Bühne: Harald B. Thor) dient im Residenztheater ein scheinbar in der Luft schwebendes, wuchtiges, dreh- und kippbares Podest, das sich bald bedrohlich nach vorn, bald nach hinten neigt. Hier kann man jederzeit abrutschen. Mit großen expressiven Bildern eröffnet Andreas Kriegenburg seine Shakespeare-Inszenierung.

Die Hexen, die Macbeth den schottischen Thron und Banquo (Thomas Lettow) verheißen, ein Geschlecht von Königen zu zeugen, erinnern an japanische Mangas. Die Gesichter hinter tief herabwallendem Haar verborgen entfesseln sie zwitschernd, schnatternd und giggelnd in Macbeth gefährliche dunkle Wünsche. Wie ein finsterer einstimmiger Chor aus dem Totenreich begleitet Hanna Scheibe als blutbesudelte Lady Macduff (deren Identität sich erst spät erschließt) das Geschehen. 

Die sich fiebrig an ihren Zukunftsträumen berau­schende Lady Macbeth (Sophie von Kessel) demonstriert die Verschwisterung von Eros und Machtgier in einem lasziven Tanz, schmiegt sich an die Lanzen der Männer und reibt ihre Schenkel an einem Schwert. Sie beherrscht das Handwerk der Verführung, umgarnt, umschlingt ihren zwischen Zaudern und Ruhmsucht schwankenden Gatten (Thomas Loibl), bedeckt ihn mit Küssen, um ihn gleich darauf als Feigling zu schmähen, dem es an echter Männlichkeit mangelt, dem Mut und der Skrupellosigkeit – für seinen Aufstieg über Leichen zu gehen. »Unsex me!«, lautet ihr flehendes, an keinen Gott gerichtetes Gebet, hart und frei von weiblichen Schwächen will sie sein.

Kriegenburgs Körpertheater der Zeichen und Metaphern trumpft mit tollen, eindringlichen Bildern und perfekt arrangierten Choreografien auf. Dabei verwendet er allerdings zu wenig Sorgfalt darauf, die Entwicklung und die inneren Dramen der Figuren auszuleuchten, die ei­nen – trotz der überzeugend agierenden Schauspieler – nicht wirklich packen und erschrecken. 

Die großen Erwartungen, die der Auftakt geweckt hatte, erfüllen sich nur teilweise. Manches bleibt zu vordergründig, und zunehmend wirkt die Inszenierung unentschlossen und stilistisch inkohärent. Das Geschlechterthema gerät aus dem Fokus. Die düstere Wucht weicht unvermittelt der Verspieltheit des modernen Regietheaters. Ein clowneskes Killerduo (Jeff Wilbusch und Thomas Gräßle) massakriert eine Puppe, die Lady Macduffs Kinder symbolisiert. Der geflohene Macduff (René Dumont) singt zur Gitarre den Nine-Inch-Nails-Song »Hurt«. Gruselslapstick steht zwischen eher brav ­­­­­­­zelebrierten Szenen und mitunter zu sehr ästhetisierten Schreckenstableaux.

 

Die blutige Spirale dreht sich unaufhaltsam weiter, ein Mord bedingt den nächsten. Die Geister seiner Opfer verfolgen den in die Paranoia abdriftenden Macbeth. Am Ende des Gemetzels sinkt auch der Tyrann zu Boden, doch sein Sturz markiert bei Kriegenburg keine hoffnungsfrohe Wende. Mit Duncans Sohn Malcolm (Ma­thilde Bundschuh) besteigt ein tief verstörtes Kind­ den Thron. Die aus Gewaltexzessen geborene neue Ordnung verspricht keine friedliche Zukunft.

 

Petra Hallmayer 


William Shakespeare: Macbeth.

 

Nächste Vorstellungen am 16., 17. und 27. März, 19 Uhr, Residenztheater. Karten: Tel. (089) 21 85 19 40.

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