Stefan Merki, Jelena Kuljic, Thomas Hauser (c) Julian Baumann

Im Bauch der Stadt

Japanischer Regisseur Toshiki Okada mit »Nō Theater« in den Münchner Kammerspielen

Ohne Ziel und ohne Grund fährt der junge Mann mit der U-Bahn unter dem nächtlichen Tokio umher. »Die Welt hat keinen Bedarf an mir«, erklärt er. Deshalb habe er Zeit im Überfluss. Am Bahnhof Roppongi steigt er aus, auch das ohne bestimmte Absicht. Dort ist das Ausgehviertel der Besserverdiener. Der junge Mann bleibt auf dem Bahnsteig, den Dominic Huber auf die Bühne der Münchner Kammerspiele gebaut hat – in einer Zwischen- oder Unterwelt also. Gesellschaft leistet dem Schauspieler Thomas Hauser vorerst nur der Musiker Kazuhisa Uchihashi. Er spielt auf einem Daxofon genannten Instrument und später auf einer Gitarrenharfe. Die Geräusche, die er damit erzeugt, erzählen von diffusen Dingen, deren Anwesenheit man spürt, ohne sie zu sehen. Es sind fremdartige Geräusche aus dem Bauch der Stadt, wie von einem organischen Wesen.

Bald bekommt der junge Mann Gesellschaft durch einen älteren, gespielt von Stefan Merki. Sowie durch eine Frau (Jelena Kuljić), die sich als Bahnhofsvorsteherin vorstellen wird, aber manchmal auch wie die innere Stimme des älteren Mannes auftritt. Sie beginnen ein politisches Gespräch, der ältere Mann möchte von dem jüngeren wissen, was es für ein Gefühl ist, in einem Land zu leben, mit dem es bergab geht – woran er durch seine frühere Arbeit als Investmentbanker selbst eine Schuld trägt. Wenn er mit einer wütenden oder anklagenden Reaktion gerecht hat, so irrt der Ältere: Der jüngere Mann hat keine Erwartungen an sein Land und sein Leben, kann insofern auch nicht enttäuscht werden.

So debattieren sich die beiden durch die japanische Wirtschaftskrise, die längst auch eine Gesellschaftskrise ist. Der Autor und Regisseur Toshiki Okada spielt in seiner Arbeit No¯ Theater dabei klug und sinnlich mit Theatermitteln, die uns Europäern weitgehend fremd sind, eben denen des japanischen No¯-Theaters. Das ist eine extrem strenge Form mit vielen Codes, die man kennen muss, um die Aufführung in allen Nuancen zu deuten. Das funktioniert mit einem deutschen Publikum natürlich nicht. Okada zitiert lediglich spielerisch Elemente des No¯-Theaters zum Zweck der Verfremdung. So entsteht der Reiz des anderen.

Elementar ist im No¯-Theater der Auftritt von Geistern toter Menschen – sie haben nicht die Spukhaftigkeit europäischer Theatergeister. Der ältere Mann hat sich vor Jahren vor die U-Bahn geworfen. Nun tut er Buße für die Schuld, die er in seinem Beruf auf sich geladen hat. Okada lässt zwei Prinzipien gegeneinander antreten, zwei Repräsentanten ihrer Generation. Die dennoch eine individuelle Geschichte haben.

Es gibt eine zweite Szene in No¯ Theater, wieder mit Hauser als jungem Mann und Kuljić als Bahnhofsvorsteherin, diesmal auf dem U-Bahnhof Tochõmae. In ihr geht es um die beklagenswerte Rolle der Frauen in der japanischen Gesellschaft, um die fortwährende Demütigung der einen Hälfte der Gesellschaft durch die andere. Auch dadurch zerstört sich das Land, so die Geschichte.

Zwischengeschaltet ist eine Kurzkomödie in der Tradition des Kyõgen, auch das eine alte, rituelle Theaterform aus Japan. Anna Drexler spielt eine Schauspielerin, die über die beste Art des Auswendiglernens von Text philosophiert – das ist von einer schönen Situationskomik und setzt der Tragik der beiden No¯-Episoden etwas Selbstironie entgegen. Und schlägt aber in dieselbe Kerbe: dass die Japaner sich durch Regeln, Konventionen und Nachplappern in ihrer gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Entwicklung selbst gefährlich beschneiden. Das in einer stark ritualisierten Inszenierung darzustellen, ist die eigentliche Pointe. 

Stefan Fischer


Tokishi Okada: Nō Theater.

Nächste Vorstellungen am 12., 19., und 27. April, 20 Uhr,  Residenztheater.

Karten: Tel. (089) 21 85 19 40.

Zum Seitenanfang