Zwei tragische Figuren: Halvard Solness (r.) und seine Frau Aline (c) Arno Declair

Porträt eines Egomanen

Mit geschickten Textaktualisierungen holt Christian Stückl Henrik Ibsens »Baumeister Solness« in die Gegenwart. 

 

Maximilian Brückner, seit Langem endlich wieder auf der Bühne des Münchner Volkstheaters, spielt die Facetten des psychisch lädierten Fieslings und Manipulators lustvoll aus. 

Ein schicker gläserner Büro-Bungalow erstreckt sich in Christian Stückls Ibsen-Inszenierung »Baumeister Solness« über die Bühne. Davor krümmt sich Halvard Solness in Unterwäsche auf dem Boden. Der große Baumeister ist ein Wrack, ein abgefucktes, arrogantes Arschloch. Ungeniert lässt der Hamburger und Pommes mampfende Stararchitekt seinen Zeichner die Reste seines Fast-Food-Gelages wegputzen. Er erniedrigt Ragnar (Mehmet Sözer), vor dessen Jugend und Begabung er sich fürchtet und dessen Verlobte Kaja (Luise Kinner) er vögelt, eine sich devot dem Machoschwein unterwerfende und hinterhertrippelnde Weibchenkarikatur. Er begrabscht den Arzt seiner Frau (Timocin Ziegler), spielt mit den Menschen, provoziert, verführt und demütigt sie brutal. Sogar Bekenntnisse sind bei Solness Posse, der sich kokett in Selbstbeschimpfungen suhlt, sich in der Rolle des bösen Buben, Tabubrechers und zynischen Despoten gefällt. Doch all das selbstherrliche Auftrumpfen und Niedertrampeln dient nur dazu zu kaschieren, dass er längst nicht mehr an sich glaubt, seinen schöpferischen Elan verloren hat.

Insgeheim ist Solness, der seinen Aufstieg einem Feuer verdankt, durch das das Haus seiner Schwiegereltern niederbrannte und seine Kinder starben, zerfressen von Angst und Schuldgefühlen. Seine in der Puppenstube ihrer eigenen Kindheit gefangene Frau betrachtet ihre Ehe als pure Pflichterfüllung. Magdalena Wiedenhofer stöckelt als Aline kettenrauchend in einem schwarzen Catsuit steif und innerlich erloschen umher, dabei wird ihre Stimme immer wieder kurz brüchig und macht die tiefe Verstörung dieser Frau spürbar. Einmal scheint es, als würde Solness seine Masken ablegen. Erschöpft bettet er seinen Kopf in Alines Arme, die ihn auf den Scheitel küsst. Für einen Augenblick sind sie einander nahe, ehe er über sie herfällt, weil Sex die einzige Form der Berührung ist, die er beherrscht.

Maximilian Brückner, der seit Langem wieder einmal in München auf der Bühne steht, spielt lustvoll alle Facetten des psychisch lädierten Fieslings und Manipulators aus. Der 38-Jährige ist eine ungewöhnlich junge Besetzung für Ibsens Baumeister. Man muss sich von den Solness-Bildern im Kopf lösen, dann aber sieht man das eindringliche Porträt eines egomanischen Menschenmissbrauchers, der über seine Eitelkeit in den Tod stürzt. Die treibende Kraft dafür ist Hilde Wangel, die unerwartet auftaucht und das Königreich verlangt, das er ihr einst versprochen hatte. Pola Jane O‘Mara ­stampft als ein punkiges Girlie herein, eine burschikose Nervensäge, die die Erfüllung ihrer Träume für ihr Recht hält und in ihrer herrisch fordernden Haltung gegenüber anderen und dem Leben Solness gleicht. Noch einmal will sie den Helden ihrer Klein-Mädchen-Fantasien, der unter Höhenangst leidet, beim Richtfest triumphierend ganz oben auf dem Turm sehen.

Stückl holt Ibsens Stück mit geschickten Textaktualisierungen, die nie störend wirken, in die Gegenwart. Nur leider pendelt sich die Aufführung ab der Mitte auf einem zu wenig nuancierten Ton ein, eilt zu hochtourig hitzig und laut voran. Zunehmend fehlt es der Inszenierung an kluger Kontrastierung und differenzierendem Feinschliff, sodass sie schließlich zu früh abrupt in die Ironisierung kippt und der Schlussszene etwas von ihrer Wucht nimmt. Dennoch: Über weite Passagen gelingt im Volkstheater ein fesselndes Psychogramm eines sich an seine Macht klammernden zeitgenössischen Karrieremannes und Narzissten.

Petra Hallmayer


Nächste Vorstellungen am 12. und 27. Mai, 19.30 Uhr, Volkstheater. 

Karten: Tel. (089) 5 23 46 55

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